Grundlagenreflexionen

Aus: "Grundlagenreflexionen zur Thematik Antropomorpher Schnittstellen" (Rudolf Kaehr, 1999)

 

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Zirkel des Verstehens. Wenn ich nichts weiß, kann ich nichts erkennen. Wenn ich alles weiß, brauche ich nichts zu erkennen. Ebenso: Wenn ich nichts erkenne, kann ich nichts wissen. Wenn ich alles erkenne, brauche ich nichts zu wissen.

Dem Paradox der „Erkennung von relevanten Segmenten“ aus einem kontinuierlichen Strom von Ereignissen ist nicht leicht zu entgehen. Um ein Zeichen identifizieren zu können, muss ich es von anderen Ereignissen separieren können. Um ein Zeichen aus dem Strom der Ereignisse separieren zu können, muss ich es identifizieren können. Ohne Identifikation keine Separation; ohne Separation keine Identifikation.

Wir entgehen permanent dem Paradox, indem wir immer schon ein Vorwissen um das Ganze haben, das uns in unserer Identifikation/Separation leitet. Nur wenn ich im vorhinein schon weiß was ich identifizieren will, kann ich das identifizierte separieren. Und nur wenn ich im vorhinein schon weiß, was ich separieren will, kann ich das separierte identifizieren. Das ganze Spiel funktioniert nur als reflexives und komplexes: Die Separation der Identifikation und die Identifikation der Separation. Wie auch die Identifikation der Identifikation und die Separation der Separation.

Auf der Ebene der uni-negationalen bzw. mono-kontexturalen Logik führt eine solche reflexive Stufung automatisch zu antinomischen Widersprüchen. Was für das menschliche Alltagsverständnis relativ plausibel funktioniert, ist logisch-strukturell betrachtet, Unsinn. Mit dem „Zirkel des Verstehens“ (Hermeneutik), gar dem „Wirbel des Denkens“ (Heidegger) der heute in eine phänomenologisch angehauchte Computerwissenschaft (Flores, Winograd) eindringt, lässt sich nach wie vor keine Maschine konstruieren, die funktioniert.

Damit soll nicht die prinzipielle Zirkularität des Verstehens geleugnet, sondern auf die problematische Rolle der Logik hingewiesen werden, die für solche begriffliche Konstellationen zuständig ist. 

 

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Wenn man beobachtet, mit welcher Selbstverständlichkeit immer wieder Raum- und Zeitkategorien unhinterfragt benutzt werden, um allerlei Sorten von Distributionen, etwa von Interaktionen, Kooperationsagenten, Agenten in Multi-Agentensystemen, Distribuierter Künstlicher Intelligenz usw., allg. von Prozessen und Objekten, dann zeigt es sich wohl vor allem, dass eine Hinterfragung von Raum und Zeit in wissenschaftlich schwer zugängliche Bereiche führt, die besser gemieden werden.

So ist es etwa für Lynn Andrea Stern kein Problem, dass die Prozesse der Interaktion im selben Zeit- und Raummodell ablaufen, wie deren Gegenstück, die linearen, hierarchischen Prozesse. „Computation as Interaction: Many persistent entities communicate and coordinate over time.“ Und: „Time again runs vertically, but... an aditional spatial dimension is added.“

Es handelt sich hier gewiss um Fragestellungen, die in der Philosophie besser aufgehoben sind als in der Informatik. Interessant ist dabei jedoch, dass ähnlich wie früher in der Physik, nun die Computerwissenschaftler sich gezwungen fühlen, ihre eigene Philosophie zu entwickeln. Wohl weil die bestehende Philosophie auf ihre Fragestellungen weder Antworten noch Methoden anzubieten hat.

Eine Einsicht dieser Untersuchung ist, dass ohne eine Hinterfragung und Entwicklung neuer Raum- und Zeitstrukturen, eine Modellierung und Implementierung distribuierter Subjektzentren bzw. Intelligenzen oder intelligenter Agenten, zu unbefriedigenden Resultaten führt.

Die Philosophen Gotthard Günther und Kitaro Nishida werden zitiert, um die Philosophische Problematik einer Distribution von Subjektivität zu explizieren. Als elementare Situation gilt beiden die Ich-Du-Relation. Beide unterscheiden sich radikal von anderen Sozial-Ontologen und auch von Du-Mystikern wie Rosenstock-Huessy und Martin Buber und in ihrer Nachfolge der späte Heinz von Foerster.

Philosopschie Zitate, die eher die kenogrammatische Ebene ansprechen, finden sich bei Derrida im „Konzept“ der Differance als Raumung und Zeitigung der Spur.

Es stellt sich heraus, dass erst auf einer polykontextural konzipierten Verteilung von Standorten, Kontexturen, Systemen eine Konzeption des Mensch-Maschine-Verhältnisses so bestimmt werden kann, dass beide, Mensch wie Maschine in einer relativen, d.h. aufeinander bezogenen Autonomie gegenüber gehalten werden können. Und dass die Konzeption der Maschine nicht notwendigerweise als eine Projektion menschlicher Funktionen in die maschinale Objektivität verstanden werden muss.

Beide Philosophen gehen weit über das übliche Verständnis von Kommunikation hinaus indem sie die absolute Differenz von Ich und Du aufweisen und den Ort (Nishida) als übergegensätzlich setzen. Günther geht einen wesentlichen Schritt weiter durch die Einführung der Kenogrammatik (kenos gr. leer). Hier nicht zitiert.