Der Weg des Karl Kappenträger

Schon merkwürdig, dieses Summen im Kopf. Karl Kappenträger verließ das Haus stets in aller Frühe. Natürlich im Kopf. Wo sonst? Schallwellen, die nichts anderes sind als Schallwellen. Kein Summen, Brummen, Zischen, Pfeifen, Schreien, Rufen, Jaulen. Karl Kappenträger mochte es, so früh unterwegs zu sein. Am liebsten nach einem Regenguss, wenn der Himmel schon wieder klar war und die Sonne gerade aufging. Ganz spontan entschied er, ob er zuerst nach links oder nach rechts laufen sollte. Auf jeden Fall sollte der Rückweg nicht der Hinweg sein. Das war wichtig. Und es sollte lange dauern. Idealerweise lief er gar nicht selbst, sondern Karl Kappenträger ließ laufen. Er übergab die Kontrolle einfach seiner Intuition. Karl Kappenträger war nur noch Passagier. Nur selten musste er eingreifen. Manchmal war die Intuition etwas gar zu verspielt und wollte noch diesen oder jenen neuen Weg ausprobieren. Dagegen hatte Karl Kappenträger nichts. Im Gegenteil. Genau das war der Sinn der Sache. Er war Gast auf dieser Reise und musste nur dafür sorgen, dass man am Ende wieder zu Hause ankam. Karl Kappenträger war darin mittlerweile sehr erfahren. Er wusste, wie man die Intuition ganz behutsam beeinflussen konnte, ohne ihr zartes Wesen zu erschrecken. Denn dann würde sie sich zurückziehen und Karl Kappenträger müsste auf direktem Wege nach Hause gehen. So, wie wenn man zur Arbeit geht, zum Einkaufen oder zum Friseur. Und Karl Kappenträger wusste genau, dass wenn die Intuition einmal verschwunden war, dann würde sie sich nicht so leicht wieder hervorlocken lassen. Dann hieß es, die Dinge einfach abzuarbeiten, ohne dieses Gefühl der Lebendigkeit, das er an diesen morgendlichen Unternehmungen so sehr mochte. Manchmal fragte er sich, wie es denn so wäre, wenn er sich permanent in diesem Zustand befinden würde? Ist es das, was einen kreativen Menschen ausmacht? Doch was spielte das für eine Rolle. Karl Kappenträger war eben genau so wie er war, und damit kam er gut zurecht. Zuhause angekommen wurde er vom Reisenden, der sich ganz entspannt die Welt ansieht, wieder zum Akteur. Karl Kappenträger, der Problemlöser und Optimierer. Das hatte auch was. Ja, auch dieses Roboterhafte hatte für Karl Kappenträger seinen Reiz. Er mochte es einfach, wie eins zum anderen führt, präzise und berechenbar. Genau so, wie es sein sollte. War alles erledigt, konnte sich Karl Kappenträger entspannt zurücklehnen und sich ganz diesem herrlichen Summen hingeben, das ihm dieses unglaubliche Gefühl der Leichtigkeit verschaffte, ihn nahezu Schweben ließ. Gute Nacht, Karl Kappenträger.


Feeling B, Langeweile