Die Launen der Mode bei den Franzosen

Die Launen der Mode bei den Franzosen erstaunen mich. Sie haben vergessen, wie sie in diesem Sommer gekleidet waren, und sie wissen noch nicht, was sie im kommenden Winter tragen werden. Aber vor allem kann man kaum glauben, wieviel es einen Ehemann kostet, seine Frau nach der Mode zu kleiden.

Was würde es mir nützen, Dir eine genau Beschreibung ihrer Kleidung und ihrer Schmuckstücke zu geben? Eine neue Modewelle würde mein ganzes Werk zerstören, wie sie das der Arbeiter an der Mode vernichtet, und alles hätte sich geändert, bevor du meinen Brief erhalten hättest.

Eine Frau, die Paris verlässt, um ein halbes Jahr auf dem Land zu verbringen, kommt so altmodisch von dort zurück, als ob sie dreißig Jahre verloren hätte. Der Sohn erkennt nicht das Bild seiner Mutter, weil ihm das Gewand, in dem sie dargestellt ist, so fremd erscheint. Er denkt, dass irgendeine Amerikanerin darauf dargestellt ist oder dass der Maler ein Phantasiegemälde schaffen wollte.

Manchmal werden die Frisuren unmerklich höher, und dann lässt sie ein plötzlicher Umschwung wieder flacher werden. Es gab eine Zeit, wo wegen ihrer gewaltigen Höhe das Gesicht einer Frau in der Mitte ihrer Person lag. Zu einer anderen Zeit nahmen die Füße diesen Platz ein, den die Absätze bildeten ein Gestell, das sie in der Luft hielt. Wer könnte es glauben, aber die Architekten waren oft gezwungen, die Türen höher, niedriger und breiter zu machen, je nachdem der Putz der Frauen diese Veränderung von ihnen verlangte, und die Regeln ihrer Kunst waren diesen Launen unterworfen!

 

(Aus: Montesquieu, „Persische Briefe“, Reclam, 2004, S.184/185)