Zweiundachtzigster Brief

Rica an Ibben in Smyrna

 

Obwohl die Franzosen viel reden, gibt es doch bei ihnen eine Art von schweigsamen Derwischen, die man Kartäuser nennt. Sie sollen sich beim Eintritt ins Kloster die Zunge abschneiden, und es wäre sehr wünschenswert, wenn auch alle anderen Derwische sich abschneiden würden, was sie von Berufs wegen nicht brauchen.

Bei den schweigsamen Leuten fällt mir ein, dass es noch viel merkwürdigere gibt als sie, Leute, die ein ungewöhnliches Talent besitzen: Es sind diejenigen, die zu sprechen wissen, ohne etwas zu sagen, und die über zwei Stunden hin einer munteren Unterhaltung Anregung geben, ohne dass es möglich wäre, sie dabei zu entlarven, sie nachzuahmen oder auch nur ein Wort von dem zu behalten, was sie gesagt haben.

Leute dieser Art werden von den Frauen angebetet. Aber anderen wird dies noch mehr zuteil, die von der Natur die liebenswerte Fähigkeit erhielten, im rechten, das heißt in jedem Augenblick zu lächeln, und die allem, was die Frauen sagen, den Reiz einer fröhlichen Zustimmung hinzufügen.

Aber als ungewöhnlich geistreich gelten sie dann, wenn sie mit Feingefühl alles verstehen und tausend geistreiche Gedanken in den allergewöhnlichsten Dingen entdecken.

Ich kenne wieder andere, die ihren Vorteil daraus zogen, dass sie unbelebte Dinge in die Gespräche einbrachten, und die ihr besticktes Gewand, ihre blonde Perücke, ihre Tabaksdose, ihren Stock und ihre Handschuhe sprechen ließen. Es ist günstig, sich schon in der Straße bemerkbar zu machen durch den Lärm des Wagens und des laut angeschlagenen Türklopfers. Diese Einführung schafft Zuneigung für die restliche Rede, und wenn der Anfang schön ist, macht er alle folgenden Dummheiten erträglich, die glücklicherweise zu spät kommen.

Ich versichere Dir, dass diese kleinen Fähigkeiten, die man bei uns nicht beachtet, hierzulande sehr nützlich sind für diejenigen, die das Glück haben, sie zu besitzen. Ihnen gegenüber kann ein Mann mit gesundem Menschenverstand kaum glänzen.

 

Paris, am 6. des Monats Rebi I, 1715

 

(Aus: Montesquieu, „Persische Briefe“, Reclam, 2004, S.157/158)