Aristotelische "Abschnürung" (3)

Beiden Auffassungen wird hier auf das nachdrücklichste widersprochen. Die spekulativen Texte enthalten weder Unsinn, wie die mathematisch und naturwissenschaftlich orientierten Denker annehmen, aber sie enthalten auch keinen übermenschlichen Tiefsinn, der sich prinzipiell einer strikt rationalen und mechanisierbaren (!) Kommunikationsmethode entziehen muss. Sie sind vielmehr ein Drittes. Sie sind relativ durchsichtige Dokumente eines (missglückten) Versuches, in dem sich die philosophische Reflexion aus den Fesseln einer überlebten logischen Tradition und ihr zugehörigen Systems der zweiwertigen Platonisch-Aristotelischen-Leibnizschen Logik zu befreien sucht.

Dieser Befreiungsversuch ist, wie wir in den vorangehenden Untersuchungen ausgeführt haben, im Wesentlichen aus zwei Gründen gescheitert: Erstens hielten die spekulativen Idealisten (Kant eingeschlossen) unverbrüchlich daran fest, dass alles formale Denken zweiwertig sei, d.h. sich in einer einfachen, unmittelbaren Antithese von Positivität und Negation bewege, dass also gedankliche Motive, die sich dieser Dichotomie nicht fügen wollten, grundsätzlich nicht mehr formalisierbar sein und deshalb keinem ichhaft denkenden, individuellen, logischen Subjekt zugerechnet werden könnten. Aus diesem Irrtum ergab sich aber direkt der zweite: Jedes individuelle Subjekt steht in einem Komplementärverhältnis zu dem absoluten, unendlichen, universalen Subjekt. Die über die dichotomischen Formen der Reflexion überfließenden Motive sind deshalb die „Gedanken“ des universalen Subjekts. Da das Letztere aber die absolute Identität von Subjekt und Objekt darstellt, sind jene „Gedanken“ nicht mehr bloß „subjektive“ Reflexionen eines individuellen Ichs, sie sind vielmehr Bilder des metaphysischen Realprozesses der Wirklichkeit.

Damit reduziert sich die Widerlegung der spekulativen Logik als einer Prozedur, die nicht mehr Form und Inhalt unterscheidet, auf eine sehr einfache Formel. Es gilt zu zeigen, dass jene Reflexionsmotive, die sich dem dichotomischen auf das einzelne Ich bezogene Denken grundsätzlich nicht fügen wollen, in einem nicht auf dem einfachen Umtauschverhältnis von Positivität und Negation aufgebauten Denken formalisierbar sind. Dies wird in dem folgenden Teil dieses Bandes wenigstens in vorbereitender Weise geschehen.

 

(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 305, 306)