Konjunktive und disjunktive Reflexion (3)

Die klassische Theorie der Abstraktion beruht auf der Aristotelischen Unterscheidung von Form und Inhalt. Zwar mag, was Form auf der einen Stufe ist, auf der nächsten als Inhalt auftreten und dementsprechend behandelt werden; auf jeder Stufe aber ist die Unterscheidung von Form und Inhalt absolut eindeutig. Es gibt nur eine Form-überhaupt. Und das entscheidende Kriterium von Form-überhaupt wiederholt sich auf jeder Stufe: es ist Notwendigkeit, der gegenüber aller Inhalt als gegebene Faktizität auftritt. Es ist unmöglich, Form und Inhalt je zu verwechseln, denn Form ist allemal System, und Inhalt ist Kontingenz. Deshalb ist Form-überhaupt dann erst logische Form, wenn sie von allem überhaupt möglichen und denkbaren Inhalt (als bloßer Kontingenz) abstrahiert hat. Wird diese Abstraktion aber einmal vollzogen, dann ist die Unterscheidung von logischer Form und ihrem Inhalt absolut eindeutig und endgültig..., wenigstens soweit „unser“ Denken in Frage kommt. Die Unterscheidung wird nur hinfällig, wenn wir versuchen, über die Natur des ‚göttlichen‘ Denkens zu spekulieren.

Es ist selbstverständlich, dass aus dieser Aristotelischen Auffassung des Grundverhältnisses von Form und Inhalt der Schluss gezogen werden musste, dass die Einführung aber auch des geringsten materialen, d.h. inhaltlichen, Motives in die formale Logik dieselbe von Grund auf zerstören müsse. Kants Transzendentaltheorie aber ist nun nichts anderes als ein Versuch, die rationale Struktur des Bewusstseins durch Einführung materialer Motive zu erklären. Denn es hatte sich längst gezeigt, dass ein Bewusstsein, das nichts weiter als ein leeres, indifferentes Gefäß ist, in das von außen her ein wesensfremder Inhalt zwecks materialer Füllung hineingegossen wird, unmöglich denken oder erkennen kann. Da Kant aber die klassische Logik nicht zerstören will, da er einsieht, dass sie als Theorie der absolut reinen Form des Denkens erhalten bleiben muss, sieht er sich gezwungen, sie unkritisch zu übernehmen und zugleich aufs Altenteil zu setzen und als Organon der Erkenntnis an ihre Stelle die Transzendentallogik zu platzieren, in der die Aristotelische Trennung von Form und Inhalt prinzipiell aufgehoben ist. 

 

(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 325, 326)