Scratch Acid

Vor langer, langer, langer Zeit, genau gesagt vor fünf Jahren, hörte eine Band in Austin/Texas auf zu existieren, die kaum einer kannte. Abgesehen vielleicht von einer Handvoll ewiger Insider. Zur gleichen Zeit hatte ich einen Freund namens Thomas Schmoll, den erst recht keiner kannte. Nicht einmal die Handvoll ewiger Insider. Aber Freund Schmoll war einer der wenigen, die Scratch Acid, so hieß besagte Band nämlich, kannten und liebten. Seinerzeit, als wir zornigen, jungen Männer in Cafés beisammen saßen und nichts anderes zu tun hatten, denn stundenlang über Musik zu reden, die spärlich gesäten Radiosendungen auszuwerten und die gemachten Neuentdeckungen wie kostbare Juwelen einander gegenseitig zu präsentieren. Und während der eine noch mit glänzenden Augen von den Butthole Surfers schwärmte und diesem einen Stück, bei dem der Sänger den Einsatz durch kräftiges, taktsicheres und vor allem aus den Zehennägeln hochgeholtes Rotzen vorgab, wusste ein anderer noch eins drauf zu geben und uns eine viel seltenere Perle aus Austin/Texas mit stolzgeschwellter Brust und einem fahrigen Griff durch den Scheitel zu präsentieren. So lernte ich Scratch Acid und indirekt damit auch Jesus Lizard kennen, denn was anderes ist denn Jesus Lizard, um hier einmal ordentlich die Phrase zu dreschen (Journalisten dieser und aller anderen Welten! Ich grüße Euch!), als die Fortführung Scratch Acids mit anderen Mitteln? Doch damit nicht genug. Austin/Texas und Leipzig/Sachsen, Freund Schmolls und meine Heimatstadt, sind darüber hinaus beides Universitätsstädte, letztere im übrigen die weitaus ältere, bekanntere und renommiertere, doch das tat bereits damals nichts mehr zur Sache.

 

(Aus: "Elektrisch verstärkte Schmollmusik", NM!Messitsch, 12/1992)