Wo ist er?

Wie gesagt, das war früher. Heute ist Austin/Texas längst von der irakischen Luftwaffe coventrysiert worden, Leipzig einem mysteriösen Massensuizid zum Opfer gefallen und auch mein Freund Schmoll nicht mehr das, was er einmal war. Nicht, dass ihn inzwischen jemand kennen würde. Aber während wir hier unbeirrt die Fahne hochhalten, ist aus ihm inzwischen einer von denen geworden, die dem gemeinen, kapitalistischen Ausbeutersystem das Wort reden und in seinem Namen die Wahrheit verdrehen und zwar für Geld. Viel Geld. Geld, das wir auch gerne hätten.

Aber einmal im Jahr zieht Freund Schmoll noch einmal seinen alten Rollkragenpullover an, die dunkle Jeans und die passend gekaufte Jeansjacke, jene Kleidungsstücke also, von denen wir früher immer dachten, dass sie an ihm festgewachsen wären, weil man ihn nie in etwas anderem erblickte, und macht das, wovon wir damals als zornige junge Männer nur träumen konnten. Er geht in ein Konzert. So ein richtiges Konzert. Im Westen. Mit buntem Licht und allem drum und dran. Wie groß war also meine Verwunderung, als ich ihn beim Berliner Gastspiel von Jesus Lizard nicht im Publikum entdecken konnte. Hatte er etwa seinen alten Rollkragenpullover, die dunkle Jeans und die passend gekaufte Jeansjacke weggeworfen? Um wieviel größer aber wurde mein Erstaunen, als ich überhaupt sehr wenig Publikum entdecken konnte. Ja großer Gott! Hatte denn ganz Berlin seine alten Rollkragenpullover, die dunklen Jeans und die passend gekauften Jeansjacken weggeworfen?

 

(Aus: "Elektrisch verstärkte Schmollmusik", NM!Messitsch, 12/1992)