Yow One

Dabei hatten Jesus Lizard doch so einiges, wenn nicht gar mehr zu bieten. Genauer gesagt, Sänger David Yow, der scheinbar vor Konzerten seine normale, sagen wir einmal in Ermangelung eines besseren Wortes, bürgerliche Existenz in der Garderobe abgibt, um als unberechenbarer Psycho auf die Bühne zu steigen. Dank seines aufopferungsvollen, die eigene und anderer Gesundheit nicht schonenden Einsatzes jedenfalls wurde das Konzert für jeden Besucher einzeln zu einem ganz persönlichen Abenteuer. Lieblingssport: unvermittelt durchs Publikum toben bzw. nach hilflosen Mikrofonen schlagen. Wobei man sich nicht richtig entscheiden konnte, was das eigentlich Bewundernswerte daran war, die Tatsache, dass David Yow überhaupt noch auf der Bühne stehen konnte, so sturzbesoffen wie er war, oder aber der Fakt, dass er dies aus dem Stand innerhalb einer knappen halben Stunde geschafft hatte. Aber auch wenn er einmal hin und wieder neben das Mikrofon sang, David Yow hielt eisern durch, raste wie ein Irrwisch durch die Gegend, warf sich auf die Bühne, stürzte ins Publikum (halb fiel er, halb zog es ihn) und erinnerte mich damit insgesamt an den Typus des kleinen, mäßig bösartigen und ziemlich unberechenbaren, singenden Alkoholikers, genauer gesagt an Chaos, den Frontmann der einst legendären Wutanfall, in dessen besten Zeiten sein Lieblingstitel „Alkohol“ auch schon mal Konzertlänge erreichen konnte, womit sich der Kreis wieder mal geschlossen hätte.

 

(Aus: "Elektrisch verstärkte Schmollmusik", NM!Messitsch, 12/1992)