Yow Two

Aber an David Yow reicht auch er nicht heran, denn während der Rest der Band neben ihm in stoischer Ruhe und völlig unbeeindruckt, als wär es das Normalste der Welt, ihren mörderischen Sound herunterhämmerte, suchte er die letztmögliche Steigerung und fand sie, indem er die Nudel raushängen ließ und Einsicht ins Rektum bis zum Mastdarm gewährte (das allerdings sauber und somit wohl nicht mehr ganz Rock’n’Roll war). Den Berichten eines vertrauenswürdigen Gewährsmannes zufolge, der ursprünglich nach Indien reisen wollte, letztlich aber für ein halbes Jahr in Chicago lebte, weil ihm die ganze Sache mit der Impferei zu kompliziert war, ist dies jedoch nur ein schwacher Abglanz dessen, was bei Jesus Lizard-Konzerten in Chicago die Regel sein soll. Zum Beispiel, dass David Yow von der ersten Minute an für die Dauer des gesamten Auftritts über den Köpfen des Publikums auf Händen schwebend den Raum durchmisst, dabei aus allen Seitenlagen singend. Dementsprechend enttäuschend muss es gewesen sein, in Berlin mitzuerleben, wie Yow schon nach dem ersten Sprung auf dem Fußboden landete und von irgendeinem Idioten mit Bier übergossen wurde. Bezeichnend für ihren Status daheim mag vielleicht auch folgende Episode sein, die unser Gewährsmann in einem kleinen polnischen Klub miterlebte, wo Jesus Lizard unter falschem Namen auftreten mussten, was jedoch nicht verhindern konnte, dass der Barkeeper bereits nach dem vierten Titel das Konzert beendete, weil Leute auf der Bühne herumlagen und in Folge des Pogen und Stagedivens Deckenteile herunterkamen. Auf jeden Fall ist mir inzwischen klar, wieso David Yow meine Frage, ob er nach einem Konzert bei seiner nicht gerade stimmbandschonenden Art und Weise zu singen, noch ein Wort herausbrächte, damit beantwortete, dass er nach Gigs meistens schläft. Denn wenn David Yow von seiner Achtdreiviertelstundenschicht als Exaltierter, als Maniac nach Hause zurückkehrt, scheint er wieder zum normalen, netten, unauffälligen Menschen von nebenan zu werden, der zu allererst einmal die Füße hochnimmt. Dies bestätigen jedenfalls weitere Beobachtungen des Gewährsmannes, der auf einer Party beispielsweise einem kleinen, ordentlichen, unscheinbaren Mann mit glattem Haar und Trenchcoat begegnete, in dem er nur äußerst mühsam David Yow erkennen konnte. Denn Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps, oder wie es der Meister selbst unter Aufbringung seiner Deutschkenntnisse sagt: „Das ist eine große Bier mein Freund. Warum so groß?“

 

(Aus: "Elektrisch verstärkte Schmollmusik", NM!Messitsch, 12/1992)