Arbeit

Am liebsten ging er sofort nach dem Aufstehen an seine Arbeit, wie er es so schön nannte. Da seine Gedanken schon unmittelbar nach dem Wachwerden anfingen, sich damit zu beschäftigen, hatte es auch keinen Sinn, etwas aufzuschieben. Nachts fand die geistige Vorbereitung statt, das Schaffen der notwendigen Klarheit, tagsüber wurde nur noch exekutiert, und es wurden neue Informationen gesammelt. Er hatte gelernt, seinem Gehirn zu vertrauen, fütterte es mit Rätseln und schwierig erscheinenden Situationen und überließ der biologischen Maschine den Rest. Denn das war es, was sie am besten konnte, Lösungen finden. Das einzige was er noch tun musste war, die gefundenen Lösungen zu reflektieren. Doch das war nie ein Problem. Manchmal reichte die Nacht nicht aus, dann musste auch noch ein Teil des Tages dran glauben. Doch so war es eben, der wichtigste Teil seiner Arbeit fand in der sogenannten Bewusstlosigkeit des Schlafes statt. Wenn er dann die Dinge ganz konkret erledigte, mochte das vielleicht so aussehen, als kenne er keinerlei Mitleid. Das war falsch. Die ganze Situation von Mitleid oder nicht-Mitleid war für ihn nicht existent. Es war nur noch reine Mechanik, ein sauberes Ausführen, ohne jegliche innere Diskussion. Die Diskussionen fanden nachts in seinem Gehirn statt. Später wurden nur noch Hebel betätigt. Das ging so weit, dass er sich dabei selbst beobachtete und dadurch die volle Kontrolle über den Ablauf hatte. Diese Leidenschaftslosigkeit blieb auch den Auftragsobjekten nicht verborgen. Es war, als hätten sie es mit einem tödlichen Roboter zu tun, mit dem eine Diskussion keinerlei Sinn hatte, wo jeglicher Versuch, eine zwischenmenschliche Beziehung herzustellen, von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Das alles war für ihn sehr günstig. Dadurch war ein sauberer, reibungsloser Ablauf gewährleistet. Was fehlte, war ein wenig Aufregung. Die musste sich der kleine Bastard anderswo beschaffen.

 

(Aus: P.H.‘s „Lil‘ Bastard“, Klangwelt Magazin, 1982)