Ein mulmiges Gefühl

Die eine und einzige Leerstruktur. Wenn es tatsächlich die eine und einzige ist, dann braucht man darüber kein Wort zu verlieren, man muss sie nicht einmal als Leerstruktur benennen, da sie sich nicht unterscheiden lässt von potentiellen anderen Leerstrukturen. Soviel dazu.

 

Auf jeden Fall bietet sie eine Menge Platz. Vorstellbar als der unendliche Zahlenstrahl. Es geht immer weiter. Wer an dieser Stelle ein mulmiges Gefühl bekommt, sich vielleicht trotz der Unendlichkeit ein wenig eingeschränkt fühlt, weil er das mit seinem persönlichen Weltverständnis nicht so richtig in Einklang bringen kann, der hat entweder recht oder er irrt sich, oder beides. Oder auch keins von beiden, um die vierte Möglichkeit nicht zu unterschlagen.

 

Man hat also die Auswahl zwischen unendlich vielen Werten. Jeder hat das. Man entscheidet sich mal für diese Werte, mal für jene und kann sehr schön vergleichen mit dem, wofür sich die anderen so entschieden haben. Ob man die Wahl der anderen akzeptiert ist Geschmackssache. Es soll sogar Leute geben, die sich ganz bewusst immer für etwas anderes als die anderen entscheiden. Streiten gehört wohl dazu. Scheinbar geht es hier hauptsächlich um recht oder unrecht, wahr oder falsch, einfach um die ‚richtigen‘ Werte.

 

Zurück zum mulmigen Gefühl. Wo kommt es her? Was kann man dagegen tun? Sicher könnte man jetzt sagen, dass das Gefühl einfach trügt. Gefühle sind nicht rational in einer Welt, wo Werte verglichen werden, Werte die entweder gleich oder ungleich sind, wahr oder falsch. Aber das hatten wir schon. Genauso gut könnte man sagen, dass die Welt, nämlich die mit diesen Werten, einfach nicht in der Lage ist, ein mulmiges Gefühl zu erklären, dass das Problem demnach im Aufbau dieser Welt begründet ist. Einschränkend, reduzierend, begrenzend. Vielleicht etwas in der Art. Was also stört? Natürlich die Werte. Also weg damit! Etwas anderes als die Werte gibt es ja auch gar nicht. Schließlich ist die Leerstruktur nicht unterscheidbar. Und selbst wenn man sagen würde, dass man die Leerstruktur loswerden möchte, dann hätte man am Ende doch dasselbe Resultat. Es wäre nämlich alles weg. Und das wäre doch eine Katastrophe! Klammern wir uns also weiter an die Werte.

 

Und jetzt? Wie geht es weiter?

 

Ok, die Werte sollen bleiben. Vielleicht sind es jedoch gar nicht die Werte an sich, die uns dieses mulmige Gefühl verschaffen? Ist es nicht eher so, dass diese Einheitlichkeit ein Problem ist? Ein schönes Wort dafür ist ‚Unizität‘. Das trifft es recht gut. Denn diese Vereinheitlichung ist es, die dieses Gefühl der Einschränkung erzeugt. Warum kann nicht jeder seine eigenen Werte haben? Doch wie soll das gehen? Von der Leerstruktur weiß man nichts, und die Welt besteht eben aus vergleichbaren Werten. Wie soll man eigene Werte als eigene Werte markieren? Wie eine Grenze ziehen? Offensichtlich funktioniert das nicht, denn so ist die Leerstruktur beschaffen. Das ist ihr Sinn.

 

Nun hat der geneigte Leser längst verstanden, worauf das ganze hinausläuft. Viele Leerstrukturen. Viele, viele, viele. Auf einmal ist jeder seine eigene Leerstruktur, die er mit Werten belegen kann wie er lustig ist. Und wieso überhaupt Werte? Die eine Leerstruktur weiß von der anderen gerade einmal, dass diese auch mit Werten hantiert. Möglicherweise. Nur was die bedeuten? Eine Frage, die überhaupt keinen Sinn mehr ergibt. Klingt nach dem totalen Chaos. Hinfort die Ordnung der gemeinsamen Werte, die so schön in einer Reihe angeordnet waren. Linear und abzählbar. Und möglich waren sogar unendlich viele. Auch müssen sich die Leerstrukturen miteinander verständigen. Gibt es dafür Regeln? Wenn es die gibt, dann sind es mit Sicherheit andere, als die, die für das Hantieren mit den Werten galten. Vermutlich hat das anfänglich eher etwas von einem Abtasten. Mal schauen wie der andere reagiert. Entspricht es meiner Erwartungshaltung? Muss ich meine Erwartungshaltung modifizieren? Ist die Reaktion des anderen immer gleich? Jedenfalls macht man sich so ein Bild voneinander und erschafft einen Bereich, in dem Kommunikation stattfinden kann.

 

Und was ist jetzt der Witz dabei? Oder vielmehr die Ironie? Da sich die Leerstrukturen gar nicht als solche begreifen, wird weiter fleißig um die ‚richtigen‘ Werte gestritten, und das mulmige Gefühl verschiebt man in einen irgendwie jenseitigen Bereich, in dem alles existieren muss, das nicht in die reine Wertewelt passt. D.h, es wird eine zweite, jenseitige Welt postuliert, die aus Sicht der reinen Wertewelt auch absolut Sinn macht. Aber selbst diese wird von einigen Leerstrukturen bestritten, nicht weil sie sich als individuelle Leerstrukturen begreifen, nein, das tun sie ganz und gar nicht, sie bestreiten die jenseitige Welt, weil diese in der reinen Wertewelt nicht nachweisbar ist. Was sie natürlich nicht ist, denn sonst wäre sie ja nicht jenseitig. Der Streit zwischen den Befürwortern und den Gegnern einer jenseitigen Welt ist seit jeher in vollem Gange, und ein Ende ist nicht abzusehen. Doch das soll hier nicht weiter interessieren. Die Gründe dafür wurden aufgezeigt.

 

Bis zum nächsten Mal.