Neunzehnkommafünftes Kapitel

 

Nun ist es tatsächlich passiert. Ich bin zum Ortsfestentum konvertiert. Als ehemals permanent Mobiler habe ich mich entschieden, die ganze Sache etwas gelassener anzugehen. Früher hatte ich mich immer gefragt, worüber die Ortsfesten den ganzen Tag so nachdenken, denn die haben ja nicht wirklich viel zu tun. Gesprochen hatte ich aber nie mit einem. Also alles nur Mutmaßungen. Das Erste, was ich festgestellt hatte, nachdem ich konvertiert war, ist, dass man sich als Ortsfester nicht mehr so viel merken muss. Man kann wirklich sagen, dass das sogenannte Gedächtnis völlig überbewertet ist. Wozu soll das auch gut sein? Die Mobilen sind ständig unterwegs und erfassen dabei, bewusst oder unbewusst, alle Zusammenhänge von Bewegung und sensorischem Feedback und erlernen dadurch ihre Sicht der Welt. Alles zu dem Zweck, als Mobiler ohne größere Probleme mobil sein zu können. Was für ein Aufwand! Ich brauche das alles nicht mehr und merke auch schon, wie sich meine Sehkraft zurückentwickelt, einfach weil ich mich nicht mehr bewege. Ich würde nicht sagen, dass dabei etwas verloren geht, es ist einfach überflüssig geworden. Ich weiß nicht, ob sich das auch wieder umkehren lässt. Vermutlich schon. Es sind jetzt einfach andere Dinge wichtig geworden. Denn man ist nicht einfach nur unbeweglich, wie das den mobilen Einheiten vielleicht vorkommen mag. Das ist überhaupt nicht der Fall. Man entwickelt eine wirklich unheimlich komplexe, weitreichende Verbindung mit allem, was den Ort betrifft. Man ist buchstäblich verwurzelt. Die Art der Kommunikation ist eine völlig andere. Alles läuft über den Austausch chemischer Verbindungen, statt über optische oder akustische Muster. Und dieser Austausch ist enorm reichhaltig, aufgrund der Vielzahl möglicher Kombinationen von unterschiedlichsten Verbindungen unterschiedlichster Konzentration. Und nicht zu vergessen, die kleinen und kleinsten Lebewesen, die permanent an der ganzen Sache beteiligt sind. Ich muss zugeben, dass ich die Ortsfesten immer unterschätzt habe, gewaltig unterschätzt, was Reichhaltigkeit und Komplexität ihrer Kommunikation angeht. Ich habe das immer nur aus der Sicht der Mobilen gesehen. Wie hätte ich es auch anders sehen können? Nun weiß ich, das alles ganz anders ist. Nur verliere ich langsam die Erinnerung an mein altes Dasein. Ich fürchte, dass nicht beides zugleich gehen kann, als die eine Version aktiv sein und gleichzeitig die Erinnerungen an die andere Version behalten. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern, bis ich keine Erinnerung mehr haben werde an meine Zeit als mobile Einheit. Das wird sogar so weit gehen, dass ich nicht einmal mehr wissen werde, was eine mobile Einheit überhaupt ist. Diese Welt wird aufgehört haben zu existieren. Jedenfalls für mich. Während ich für die weiterhin existierenden mobilen Einheiten, einfach nur ein unbewegliches Ding sein werde. Ein Ding ohne größere Bedeutung. Nicht besonders beachtenswert. Auf keinen Fall so bedeutsam wie ein Mobiler. Denn ich kann mich ja nicht einmal ein kleines bisschen bewegen. Und wenn alle Sinneseindrücke der Mobilen letztendlich untrennbar mit ihrer Mobilität verbunden sind, na ja, dann ist es eben nicht verwunderlich, dass die die Welt nur auf diese Art und Weise sehen können. Fast ein wenig bemitleidenswert. Gut, es scheint eben nicht anders zu gehen. Am Ende ist man Sklave seiner Biologie, die bestimmt, in welcher Welt man lebt, auch wenn es ein wenig kurios erscheint. Aber wer hat schon, so wie ich, die Möglichkeit, auch einmal eine andere Seite zu sehen. Ich sage nicht, DIE andere Seite. Das wäre anmaßend. Denn wer weiß, wie viele Seiten es noch gibt.