Der unbelehrbare Philosoph

Erst abstrahiert ihr vom lebendigen Prozess, und dann wundert ihr euch, dass ihr mit allem, was irgendwie mit Leben zu tun hat, Schwierigkeiten habt!

 

Hier ist wohl jemand etwas aufgebracht. Ein armer Irrer, der es besser weiß, als alle anderen. Was willst du überhaupt? Wir hier sitzen auf den Erkenntnissen von tausenden von Jahren und haben absolute Gewissheit. Und in nicht allzu ferner Zukunft werden wir auch die letzten Rätsel des Universums gelöst haben.

 

Nie werdet ihr alles erklären können. Ihr richtet gewaltige Theoriegebäude auf, um euch selbst zu beruhigen, um euch abzulenken vom Zweifel, der an euch nagt, weil ihr nach tausenden von Jahren kein Stück weiter gekommen seid. Nur habt ihr keine Ahnung, was falsch ist. Ihr ahnt nur, dass etwas nicht stimmt. Ihr ahnt nur, dass das Fundament eurer Gewissheit ein Irrtum sein könnte, ein Irrtum, wäre er aufgedeckt, eure ganze Welt zum Einsturz bringen könnte.

 

Und du bist derjenige, der sie zum Einsturz bringt? Niemand will hören was du sagst. Alle haben sich eingerichtet in dieser Welt. Was du in deinem Eifer nicht zu erkennen vermagst ist, dass das Fundament, wie du es nennst, nichts ist, was wir uns ausgedacht haben. Wir geben dem unaussprechlichen Glauben aller Menschen eine Gestalt, eine Gestalt an der sich die Menschen festhalten können, an der sie sich orientieren können. Wir sind der fleischgewordene menschliche Glaube. Wir helfen den Menschen in dieser grausamen und ungerechten Welt, ein wenig Halt zu finden. Und das alles willst du den Menschen nehmen? Niemand will deine Wahrheiten hören. Für die meisten wären sie schlicht und einfach unerträglich. Das ist der Grund, weshalb wir dich am Leben lassen. Dich einzusperren, das hieße, dich ernst zu nehmen. Wir tun das, was alle tun. Dich ignorieren. So war es immer und so wird es immer bleiben.

 

Ihr behauptet, dass es nur zwei Alternativen gibt, eure Welt und die Zerstörung eurer Welt. Wenn das tatsächlich so sein sollte, dann hört mich nur noch einmal an. Wenn ich euch nicht überzeugen kann, dann werde ich für immer verstummen.

 

Tue, was du für richtig hältst. Hier kann jeder frei seine Meinung äußern.

 

Ist es richtig, dass ihr Schwierigkeiten habt, klare und eindeutige Erklärungen zu finden für alles, was im weitesten Sinne mit Leben zu tun hat?

 

Wir haben keine Schwierigkeiten, klare und eindeutige Erklärungen zu finden, weil es keine klaren und eindeutigen Erklärungen gibt. Schau dir die Lebewesen an. Es gibt nichts Komplizierteres im ganzen Universum. Die Erklärung muss kompliziert sein.

 

Aber ihr stimmt mir doch zu, dass es mit ganz einfachen Lebewesen angefangen hat und die komplizierten Lebewesen erst später aufgetaucht sind?

 

Worauf willst du hinaus?

 

Ich will darauf hinaus, dass es in der Natur ein Prinzip gibt, welches das Komplizierte aus dem Einfachen entstehen lässt. Und das könnt ihr nicht erklären.

 

Und du kannst es?

 

Ich sage, dass ihr sowohl das Einfache, als auch das Komplizierte, als etwas betrachtet, was gewissermaßen aus kleinen Bausteinen zusammengesetzt ist.

 

Das ist lange bekannt.

 

Richtig. Und genau das ist das Problem. Denn wie soll sich eine Anordnung von Bausteinen von selbst in etwas Komplizierteres verwandeln, ohne Hilfe von außen?

 

Wir kommen ohne Hilfe von außen aus. Wir sind weiterhin dabei die Bausteine zu untersuchen. Dabei werden wir noch die Eigenschaften aufdecken, die zur Änderung der Anordnung führen.

 

Das ist die Hoffnung. Wie wäre es, wenn ich euch sage, dass die Bausteine nur das Resultat eines Prozesses sind?

 

Natürlich gibt es Prozesse. Die Bausteine sind ständig in Bewegung. Was soll das anderes sein, als ein Prozess.

 

Bewegung kann man messen und beschreiben, von außerhalb des Prozesses. Das ist für mich kein Prozess. Den Prozess, den ich meine, kann man von außen nicht vollständig erfassen.

 

Du bist ein Scharlatan. Aber mach weiter. Es wird gerade amüsant.

 

Der Prozess hat Teilnehmer. Und jeder einzelne Teilnehmer nimmt immer nur sich und seine Umwelt wahr.

 

Du willst sagen, dass die Bausteine die Prozessteilnehmer sind? Angenommen es wäre so. Aber weshalb sollen wir nicht von außen feststellen können, was die Bausteine miteinander tun? Wir können jede kleinste Bewegung genau messen.

 

Aber dann wisst ihr immer noch nicht, warum sie etwas tun.

 

Die Bausteine sind aus Bausteinen zusammengesetzt. Dass wir die Funktionsweise der Bausteine untersuchen, hatten wir schon gesagt. Das hat doch alles keinen Sinn.

 

Moment. Ich behaupte, dass es große Prozesse gibt, die aus kleineren Prozessen bestehen und diese wiederum aus noch kleineren Prozessen. Und immer so weiter. Da liegt es doch auf der Hand, dass die Ursache des Verhaltens der Bausteine im Großen, letztendlich bin in das Kleinste führt, und es zwingend ist, dass man das Verhalten im Kleinsten feststellen muss, wenn man genau wissen will, warum die Bausteine im Großen etwas ganz bestimmtes tun.

 

Wir sollten das beenden.

 

Noch nicht, denn ihr wisst doch genau, dass man das Verhalten im Kleinsten maßgeblich beeinflusst, wenn man feststellen will, was es tut. Noch schlimmer, man bestimmt was es tut.

 

Das ist mehr als bekannt. Und das ist jetzt deine Begründung wofür nochmal?

 

Was ich damit sagen will ist, dass es nicht ausreicht, die Bausteine zu kennen. Die Bausteine sind nicht alles. Im Gegenteil, die Bausteine sind nur Resultat und Bestandteil eines Prozesses. Und das Resultat des Prozesses, also die Anordnung der Bausteine, ist nicht vorhersehbar. Die Anordnung der Bausteine kann man betrachten als etwas, worauf sich die Prozessteilnehmer, also die Bausteine selbst, geeinigt haben und immer wieder einigen. Es ist, bildlich gesprochen, eine permanente Diskussion im Gange, die immer wieder zu Ergebnissen führt, manchmal zu neuen Ergebnissen, manchmal immer wieder zum gleichen Ergebnis. Und daher ist es auch möglich, dass aus dem Einfachen das Komplizierte entsteht, denn aus der Diskussion heraus, kann tatsächlich Neues entstehen.

 

Ha, ha, ha. Wir lassen dich gehen. Das glaubt dir keiner.

 

Ja, lacht nur. Indem ihr immer nur auf die Bausteine schaut und sie nicht als handelnde Prozessteilnehmer begreift, lebt ihr in einer erbärmlichen, weil reduzierten Wirklichkeit. Ihr glaubt, dass die Bausteine der Ursprung von allem sind. Und darum braucht ihr Begriffe, wie Seele,  Geist, Leben, Kunst, die jedoch nicht aus Bausteinen zusammengesetzt sein können. Und diese Phänomene sind euer größtes Problem. Denn, wie kann etwas existieren, dass nicht materiell ist? Und wie kann etwas, dass nicht materiell ist, mit den Bausteinen wechselwirken? Ihr habt die Wirklichkeit aufgeteilt in Materielles und Nichtmaterielles und jetzt wisst ihr nicht weiter. Eure einzige Hoffnung ist es, das Nichtmaterielle doch noch irgendwie und irgendwann als Materielles zu entlarven. Wenn das kein starker Glauben ist. Da halte ich es noch für plausibler, an eine höhere Macht zu glauben. Mehr gibt es nicht zu sagen. 


The Verlaines, Death and The Maiden