Komm schon, Hankman, sieh es doch einmal ganz praktisch!

 

Dazu müsste ich erst einmal wissen, wie man das macht, das praktische Sehen. Und dann gibt es wohl auch noch das praktische Nichtsehen. Und nicht zu vergessen das unpraktische Sehen und das unpraktische Nichtsehen. Und dann soll ganz Ganze auch noch genau einmal und zwar ganz passieren. Bedeutet das, dass es auch ein ganz unpraktisches Nichtsehen gibt? Oder auch ein nicht ganz unpraktisches Nichtsehen? Ich denke, ich habe mich entschieden. Der Gewinner ist das nicht doch nicht einmal nicht ganz unpraktische Nichtsehen. Und, um deiner Aufforderung nachzukommen, werde ich genau das nicht tun. Ich werde es also nicht ungenau nicht nicht nicht tun. Zufrieden?

 

Durchaus. Ich wusste gar nicht, dass du so zugänglich sein kannst, was die sogenannten guten Ratschläge angeht. Eigentlich hatte ich mit mehr Widerstand gerechnet. Zumal du doch normalerweise nichts tust, ohne den theoretischen Hintergrund bis ins kleinste Detail genauestens untersucht zu haben.

 

 

Neulich ging ich an mir vorbei. Ohne mich umzudrehen. Oder auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfen. Normalerweise tue ich das nicht. Normalerweise drehe ich mich immer nach mir um, wenn ich an mir vorbeigehe. Nur eben heute nicht. Heute ist alles anders. Und weil alles anders ist, muss ich auch gar nicht sagen, was denn genau jetzt anders ist. Obwohl, eine Sache hatte ich ja schon genannt. Ich ging an mir vorbei, ohne mich umzudrehen. Sonst gehe ich weder an mir vorbei, noch drehe ich mich um. Sonst ist alles anders. Heute ist ein ganz besonderer Tag. Das fing schon frühmorgens an. Und dann ging es gerade so weiter. Und zwar bis zu genau diesem Zeitpunkt. Der berühmte zeitliche Punkt, der aufgrund seines Punktdaseins keinerlei Ausdehnung besitzt. Und das ist auch gut so. Denn das könnte schon verdammt eng werden, wenn alle zeitlichen Punkte eine Ausdehnung hätten. Auch wenn sie dann keine Punkte mehr wären.

 

Zusammenspiel von Todesgewissheit und starker Mobilität

 

jenseitskult seelenmythos und strange activities jenseits als kennzeichen der mehr oder minder freiwillig ortsfesten zur kompensation.

 

 

Eine Sprachnachricht. Gottseidank! Ich hatte befürchtet, dass die Nachricht unsprachlicher Natur wäre. Oder in einer dieser Natursprachen. So wie die Natur eben spricht. Nicht zu uns. Warum sollte sie das? Sprechen wir vielleicht zur Natur? Das macht es ein wenig kompliziert, was die natürlichen Sprachen betrifft. Und wie ist es mit den unnatürlichen Sprachen? Vermutlich haben die eher so etwas Gekünsteltes? Ich weiß gar nicht, was mir lieber wäre. Natürliche Unsprachen oder unnatürliche Sprachen? Oft hört man ja auch so eine Art Ausruf, wie beispielsweise: Natürlich! Das ist es! Was daran wirklich natürlich sein soll, ist die Frage. Doch stattdessen auszurufen: Unnatürlich! Das ist es! klingt auch irgendwie komisch. Was ist denn nun mit dieser Sprachnachricht? Ist sie natürlicher oder in unnatürlicher Sprache verfasst? Egal. Mit der Natur kenne ich mich sowieso nicht so gut aus. Die ist einfach viel zu vielfältig. Geradezu übertrieben vielfältig. Vermutlich versteht die sich selbst nicht. Da muss es ja eine gigantische Anzahl an natürlichen Sprachen geben! Keiner kann verlangen, dass man sich wirklich damit beschäftigt. Dann hätte man für nichts anderes mehr Zeit, wie beispielsweise dem Anhören von Sprachnachrichten. Immens wichtigen Sprachnachrichten. Bedeutende Botschaften, die geeignet wären, ein ganzes Leben zu beeinflussen. Ich muss zugeben, dass ich jetzt sogar ein wenig darauf hoffe, dass die Nachricht in einer dieser Natursprachen verfasst ist. Das wäre auch viel spannender. 

 

Die letzte Ausfahrt. Verpasst. Und jetzt? Umdrehen? Er war nicht der Typ, der umdreht. Was hinter ihm lag spielte alles keine Rolle mehr. Mit jedem Meter wurde auch die Vergangenheit ein Stück länger. Und was da hinter ihm auf dem Rücksitz lag, war eigentlich auch Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die sich nicht so leicht abschütteln ließ. Die Gelegenheit würde sich schon noch ergeben. Es gab immer Gelegenheiten. So war es immer gewesen, und so wird es vermutlich auch immer sein. Wenn er an etwas glaubte, dann daran. Ohne diesen Glauben könnte er auch gleich gegen den nächsten Brückenpfeiler fahren. Wenigstens das Problem auf dem Rücksitz hätte sich damit erledigt. Wie entsorgt man ein altes Stück Fleisch? Die Frage war doch vielmehr, was er wollte. Im Moment wollte er einfach nur durch die Nacht fahren. Was wenn die Nacht nie enden würde? Dann würde er immer so weiterfahren. Als wäre die Zeit stehengeblieben. Der letzte Mensch auf Erden. Unaufhörlich unterwegs auf endlosen Straßen in der ewigen Dunkelheit. Das wäre nicht das Schlechteste.

 

(Aus: P.H.‘s „Spiritwalker“, Klangwelt Magazin, 1981)

 

Spiritwalker, Klangwelt, Nacht, Ewigkeit

 

Gelegenheiten

 

Gelassenheit und ein Gespür für Gelegenheiten während einer Reise durch die Nacht.

 

 

Denken und Sprache geeignet für Regeln --> Totalitarismus statt Barbarei

 

In der Einleitung in einem Erläuterungsbuch* über Levinas spricht der Autor folgendes an:

Seite 9

Die Europäische Philosophie, die sich als universale Hüterin des Seins und des Guten verstand, hat (...) in der Shoa kaum einen Anlass gesehen, sich zu fragen, ob sie mit ihrer Art zu denken und zu unterscheiden nicht von langer Hand dazu beigetragen hat, was geschehen war, ob ihre Begriffe von Sein und Nichtsein, Wahr und Falsch, Gut und Böse, Eigenem und Anderem nicht daran  mitschuldig waren.

In der europäischen und griechischen Philosophie wurde/wird das Ethische festgelegt und gewährleistet nur aufgrund eines Gemeinsamen, eines einheitlichen Seins, oder einer einheitlichen Vernunft. Durch theoretische Normen, Werte und Gesetze wird das Ethische festgelegt. So kann es wechselseitig eingeklagt werden. Es entstanden und entstehen Moralgemeinschaften, in denen man dann den anderen im Namen eines Dritten, des Allgemeinen zu Rechenschaft ziehen, ohne selbst dafür einstehen zu müssen.

Seite 11

Im Namen des Theoretisch-Ethischen kann man sich zum Richter andere machen. Man kann von " höheren" allgemeinen Maßstäben aus entscheiden, was an anderen gut oder böse ist. Man kann in einem "Wir" aufgehen, in dem alle eine Moral teilen, die jedem das Recht und die Macht verleiht, über die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu dieser Moralgmeinschaft, über Ein- oder Ausschluss zu entscheiden, und muss sich dabei nicht fragen lassen, ob diese seinerseits gut oder böse ist. Moralgemeinschaften bergen, weil sie in "gutem Glauben" andere ein- und ausschliessen, die Gefahr des Totalitarismus in sich. Europa ist im 20. Jahrhundert in großen Teilen totalitär geworden.

Ist da was dran?

*
Werner Stegmaier, Emmanuel Levinas zur Einführung, junius Taschenbuch, 2009, Seite 9 und Seite 11.

Der Affe kommt.

Das Zebra geht.

Wenn du bleibst,

und unterschreibst,

wird er kommen,

leicht verschwommen,

ohne Brille,

letzter Wille.

Voller Macht.

Gute Nacht.

Bin auf der Jagd. Auf der Jagd nach dem letzten Gedanken. Leider ist der mir irgendwie abhanden gekommen. Doch ich weiß noch so ungefähr wie er aussieht. Er ist nicht allzu groß, hat eine leicht grünliche Färbung und spricht akzentfrei. Hast du ihn vielleicht gesehen? Nein, wie sollte das gehen. Damit das funktionieren könnte, müssten wir ein gemeinsames Nervensystem haben. Du wärst zum Beispiel die linke Gehirnhälfte und ich die rechte. Oder umgekehrt. Ich will die da keine Vorschriften machen. Du hast die Wahl. Ich werde mich nicht beschweren. Also gut. Aber das ist ja nun einmal nicht der Fall und daher kannst du meine Gedanken natürlich nicht sehen. Ist dir das auch schon einmal passiert? Ich meine, dass du auf der Suche nach einem verlorenen Gedanken warst? Mir passiert das recht häufig. Ich weiß dann immer noch, dass ich einen bestimmten Gedanken hatte, nur ist er in seiner Konkretheit nicht mehr so richtig greifbar, so versuche ich, ihn nochmal hervorzurufen, was meistens auch funktioniert, nämlich indem ich die Gedankenkette einfach rückwärts gehe, bis er erscheint. Er kann sich nicht vor mir verstecken und doch versucht er es. Warum nur? Weshalb versteckt sich mein eigener Gedanke vor mir? Ich habe ihn schließlich geboren, selbst hervorgebracht, eine wenig mehr Dankbarkeit hätte ich schon erwartet. Andererseits liegt es vielleicht einfach in seiner Natur. Auftauchen und Verschwinden. Aus dem Nichts, in das Nichts. Faszinierend! Und dazwischen? Jedenfalls nicht Nichts. Oder? Keinesfalls. Sonst könnte ich ihn ja nicht beschreiben. Das Beschreiben ist auch gar nicht so schwer. Was schwierig ist, ist der Ort. Sein Aufenthaltsort. Hat er überhaupt einen? Irgendwo muss er ja entstanden sein. Ich bin mir aber schon recht sicher, dass er sich irgendwo in meinem Kopf befindet. Nur an welcher Stelle? Das weiß ich nicht. Mehr links, oder mehr rechts, oben, unten, in der Mitte? Wieviel Platz braucht so ein Gedanke überhaupt? Ich hatte ja anfänglich gesagt, dass er nicht allzu groß sei. Jedenfalls wird er ja kaum größer als mein Kopf sein. 

Für manche Menschen mag das so sein.

Unter Umständen kann es jedoch zu Konflikten kommen.

Christentum hin oder her.

Kommt immer darauf an, wie das soziale Umfeld aussah.

In der Erkenntnis, dass das Beobachtete keine Existenz hat,

die vom Beobachter getrennt wäre

In der Erkenntnis, dass der Beobachter keine Existenz hat,

die vom Beobachteten getrennt wäre

Wird der gespaltene Geist wieder vereint.

 

(Wei Wu Wei (Metaphysiker,Taoist 1895-1986) Das offenbare Geheimnis)

Achtundachtzigster Brief

 

Usbek an Rhedi in Venedig

 

In Paris herrschen Freiheit und Gleichheit. Die Herkunft, die Tugend, selbst die im Kriege erworbenen Verdienste, so glänzend sie auch sein mögen, heben niemand aus der Menge heraus, in der er untergeht. Man sagt, in Paris sei derjenige der erste, der die besten Pferde vor seinem Wagen hat.

Ein hoher adliger Herr ist ein Mann, der den König sieht, der mit den Ministern spricht, der Ahnen, Schulden und Pensionen besitzt. Wenn er dann noch sein Nichtstun hinter einem geschäftigen Aussehen oder einem vorgetäuschten Hang für Vergnügungen zu verbergen versteht, dann hält er sich für den glücklichsten Menschen.

In Persien sind nur diejenigen hohe Herren, denen der Monarch irgendeinen Anteil an der Regierung gibt. Hier finden sich Leute, die groß sind durch ihre Geburt, aber kein Ansehen haben. Die Könige handeln wie die geschickten Arbeiter, die sich bei der Ausführung ihrer Werke immer der einfachen Maschinen bedienen.

Die große Gottheit der Franzosen ist der Gunstbeweis. Ihr Hohepriester ist der Minister, der ihr sehr viele Opfer darbringt. Die ihn umgeben, sind nicht weiß gekleidet, denn sie sind einmal Opfernde und einmal Geopferte und bringen sich selbst mit dem ganzen Volk ihrem Götzenbild zum Opfer dar.

 

Paris, am 9. des Monats Dschumada II, 1715

 

(Aus: Montesquieu, „Persische Briefe“, Reclam, 2004, S.166/167)