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Wieso gibt es eigentlich so viele philosophische Richtungen oder Schulen? Es gibt doch nur eine Wirklichkeit. Müsste nicht jeder  einzelne Mensch dieselbe Wirklichkeit auf die gleiche Art sehen?

Offensichtlich ist das nicht so. Jeder scheint seine ganz individuelle Sichtweise auf die Wirklichkeit zu haben. Wenn man das so sieht, dann wäre doch die ganze Streiterei um die richtige Sichtweise völlig sinnlos? Wenn jeder einzelne Mensch gar nicht anders kann, als die Wirklichkeit auf seine ganz individuelle Art und Weise zu sehen, warum sollte dann jemand versuchen, eine andere Person von seinem eigenen Weltbild zu überzeugen? Das würde doch bedeuten, dass derjenige glaubt, im Besitz der richtigen Weltsicht zu sein und dass der andere, der diese Weltsicht nicht teilt, einen Fehler macht, auf den man hinweisen muss und der sich korrigieren lässt. Die Frage ist demnach, wie jemand darauf kommt, dass er im Besitz der richtigen Weltsicht sei und weshalb jedes Abweichen davon falsch sein müsse? Vermutlich ist das so, weil sein Weltbild ganz einfach funktioniert. Vielleicht gibt es ein paar Ungereimtheiten, Widersprüche oder Paradoxien, aber im Großen und Ganzen kommt er in der Welt hervorragend zurecht. Wo ist also das Problem?

"Das Problem sind immer die anderen. Die ziehen sich an irgendwelchen Kleinigkeiten hoch, und aufgrund dieser kleinen Details glauben die, dass sie mir erzählen könnten, dass ich vollkommen falsch läge. Mein Gott, die Wirklichkeit ist kompliziert, der Mensch ist kompliziert. Die haben es einfach noch nicht kapiert. Ich habe denen schon so oft vorgeführt, warum ihre Sicht der Dinge falsch ist. Doch die sind sowas von stur. Da ist nichts zu machen. Sollen die sehen, wie sie klar kommen. Am besten, man geht sich einfach aus dem Weg.. Nein, das lässt mich mich nicht los. Wie können die nur so auf ihrem individuellen Standpunkt beharren? Es gibt eine Wirklichkeit und wir sind alle Teil dieses einen Großen und Ganzen. Das kann man doch nicht ignorieren."

Schon ganz am Anfang des Textes stand die Behauptung, dass es nur eine Wirklichkeit gibt. Aber wie passt das zusammen, eine einzige Wirklichkeit und eine Vielzahl von Individuen? Sind die Individuen Teil der Wirklichkeit, des Großen und Ganzen, sind sie dann überhaupt noch Individuen? Wenn man an der einen und einzigen Wirklichkeit festhalten will, dann muss man die Individuen zwangsläufig dort integrieren. Mit ihrem Denken und Handeln, mit ihrer individuellen Weltsicht. Man braucht Erklärungen für ihre Lebendigkeit. Das bedeutet, wenn man an der einen und einzigen Wirklichkeit festhalten will, kann man entweder sagen, dass die Individuen, mit ihren merkwürdigen Eigenschaften, eigentlich gar keine Individuen sind, sondern nur extrem komplizierte Anordnungen von bestimmten Ausschnitten der Wirklichkeit, oder man tendiert eher dazu zu glauben, dass es da noch etwas anderes geben müsse, das den Individuen ihre speziellen Eigenschaften verleiht. Das kann jeder für sich selbst entscheiden. Auch Kombinationen sind möglich. Der Mensch braucht eine Erklärung, und die Annahme einer einzigen Wirklichkeit lässt  verschiedene Erklärungen zu, womit wir zur eingangs gestellten Frage zurückgekehrt sind.

Was noch nicht beleuchtet worden ist, das ist die andere Option. Den Widerspruch von einziger Wirklichkeit und Vielzahl von Individuen kann man auch auflösen, indem man auf die einzige Wirklichkeit verzichtet und sagt, dass die Wirklichkeit kein Großes und Ganzes sei, sondern die Ansammlung einer Vielzahl von Individuen. Die Streitigkeiten um die individuelle Weltsicht fallen dann schon mal weg. Denn die individuelle Weltsicht ist dann eine Folge der Interaktionen mit den anderen Individuen. Sie kann sich nicht mehr auf ein Großes und Ganzes beziehen. Nur müsste man sich dann lösen von den gewohnten Vorstellungen in Bezug auf das Individuum, da man Individuum üblicherweise mit Lebewesen assoziiert (vermutlich muss man auch die gewohnten Vorstellungen in Bezug auf den Begriff des Lebewesens über Bord werfen). Man kann behaupten, dass Individuen in der Lage sein müssen, mit anderen Individuen zu interagieren und, das ist das Entscheidende, dass aus dieser Interaktion wiederum größere und komplexere Individuen entstehen können. Das beginnt im kleinsten und setzt sich fort, bis hin zu extrem komplexen sozialen Systemen. Wie gesagt, eine Option.