Aristotelische "Abschnürung" (4)

Wir haben weiter oben bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass Hegel diesen Gedanken eines drei- oder mehrwertigen Systems der Reflexion unmöglich fassen konnte, weil zu seiner Zeit die Theorie der mehrwertigen Kalküle noch nicht entdeckt worden war und damit alle Voraussetzungen und technischen Mittel zur Formalisierung trans-klassischer philosophischer Motive fehlten. Dies erklärt aber noch nicht seine völlige Abwendung vom Formalismus als einem legitimen Vehikel metaphysischen Denkens. Schließlich hätte der Verfasser der Großen Logik der erste sein können, der eine zweite trans-klassische, mehrwertige Formidee des reinen Begriffs wenigstens von ferne geahnt hätte. Aber nichts davon findet sich in seinen Schriften. Die Gründe für die Abwendung von der kommunikablen Form liegen tiefer. Es ist kein historischer Zufall, dass die exakte logische Symbolrechnung ernsthaft erst in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts begann.

Was sich in der Entwicklung von Kant bis Hegel abspielt, hat wenig mit der Befreiung des Reflexionsprozesses in der Ausbildung der modernen Kalkülrechnung zu tun. In der Abwendung der spekulativen Logik von der Logik im strengen Sinne, also der formalen Logik, vollzieht sich die Liquidation einer mehrtausendjährigen historischen Epoche des zweiwertigen Bewusstseins des Menschen. Dieses Bewusstsein begreift hier, dass es an seinen letzten, ihm durch seine eigene Struktur gesetzten konstitutionellen Grenzen angelangt ist. Es stellt diese Grenze, Hegel nennt sie die „absolute Vermittlung“, fest – und löst sich in dieser Erkenntnis als allgemein gültiges und allgemein kommunikables, objektives Medium auf.

Sein legitimer Nachfolger ist geschichtlich daher der philosophische Marxismus, der keine Innerlichkeit als solche, sondern nur die objekthafte Existenz des Menschen als absolute, nicht weiter reduzierbare Basis der Kommunikation anerkennt.

 

(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 306)