Einfach so

(English version below the German text)

Der Dialog illustriert exemplarisch die komplexe Beziehung zwischen philosophischen Kategorien und individueller Lebenspraxis. Das Nicht-Identifizieren mit einer philosophischen Schule, das Handeln aus intrinsischem Sinn und die daraus resultierenden sozialen Spannungen zeigen die Vielfalt möglicher Zugänge zur Frage nach dem „richtigen Tun“. Gleichzeitig bleibt die Reflexion über das eigene Handeln offen, was die Dynamik philosophischer Selbstverortung verdeutlicht.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie ein Vertreter der Philosophie des Akzelerationismus. Haben Sie sich ganz bewusst für diese philosophische Richtung entschieden?

 

Das mag von außen betrachtet so erscheinen, doch sehe ich mich selbst nicht als Akzelerationist. Denn ich mache einfach nur das, was für mich Sinn macht. Das macht mir Spaß, und ich kann auch gar nicht anders. Wenn ich es nicht mehr tun könnte oder dürfte, dann würde ich mich nicht mehr so richtig vollständig fühlen, falls Sie wissen, was ich meine, dann würde ich mehr oder weniger nur noch funktionieren. Interessanterweise kannte ich den Akzelerationismus als philosophische Richtung bis vor kurzem gar nicht. Doch hatte ich nach einem Begriff gesucht, um mein Tun irgendwie einordnen zu können, und ich fand, dass 'Acceleratism' das geeignete Wort wäre. Vielleicht denke ich mir noch ein anderes Wort aus, da ich, wie gesagt, mich nicht wirklich mit der Philosophie des Akzelerationismus identifizieren kann. Was mir fehlt ist diese Zielgerichtetheit. Denn was ich tue, mache ich ohne jeglichen Bezug zu irgendwelchen politischen Zielen. Doch kann es natürlich sein, und vermutlich ist es auch so, dass es am Ende auf dasselbe hinausläuft. Die Brisanz liegt ganz einfach darin, dass mein Tun einen Widerspruch erzeugt zum Tun anderer. Es stört die anderen, weil es die Angst auslöst, dass sie etwas verlieren könnten, etwas Sichergeglaubtes, etwas, auf das sie ein Anrecht hätten. Es sind die berühmten Gewissheiten, die mit aller Macht verteidigt werden, weil diese eben keine Eigenschaften der Personen sind, sondern auch die Person selbst.

 

Gut. Lassen wir doch die Philosophie Philosophie sein und reden über das, was Sie tun, einfach weil Sie es tun. Was tun Sie eigentlich?

 

Genau. Was tue ich eigentlich? Eine gute Frage. Könnten wir zu einem späteren Zeitpunkt darüber sprechen?

 

Gewiss.

Analyse

Der vorliegende Dialog wirft ein interessantes Licht auf die Spannung zwischen bewusster philosophischer Positionierung und individuellem, intuitivem Handeln. Im Zentrum steht die Frage nach der Selbstverortung innerhalb der philosophischen Richtung des Akzelerationismus – und einer gleichzeitigen Distanzierung davon. Der Dialog illustriert eindrucksvoll, wie philosophisches Denken und praktisches Tun sich überlagern und zugleich voneinander differieren können.

 

1. Akzelerationismus als Begriff und Praxis

Der Akzelerationismus ist eine relativ junge philosophische Strömung, die insbesondere in der zeitgenössischen politischen Theorie und Technologiephilosophie diskutiert wird. Er steht für die These, dass die Beschleunigung gesellschaftlicher, technologischer und kapitalistischer Prozesse nicht nur unvermeidbar, sondern potentiell emanzipatorisch sein kann (vgl. Srnicek & Williams, Inventing the Future, 2015). Dabei wird das Ziel verfolgt, durch Beschleunigung des Systems dessen transformative Potenziale zu entfesseln.

Im Dialog beschreibt die befragte Person jedoch, dass sie sich nicht bewusst als Akzelerationistin versteht. Vielmehr handelt sie aus einer inneren Motivation heraus, „was für mich Sinn macht“ und was ihr „Spaß“ bereitet. Interessant ist, dass sie die philosophische Bezeichnung erst nachträglich als mögliche Einordnung ihres Handelns entdeckt hat. Dies zeigt die Differenz zwischen theoretischer Reflexion und praktischer Lebensführung, die häufig in der Philosophie thematisiert wird (vgl. Hannah Arendt, Vita Activa, 1958).

 

2. Fehlen von Zielgerichtetheit und politischer Agenda

Ein entscheidender Punkt im Dialog ist die Ablehnung einer bewussten Zielgerichtetheit, insbesondere einer politischen Zielsetzung. Während der klassische Akzelerationismus durchaus eine visionäre Ausrichtung auf eine zukünftige Gesellschaft innehat, betont die befragte Person ihr Handeln als autonom und intrinsisch motiviert, ohne Bezug auf politische Ziele.

Diese Haltung kann in den Kontext der Existenzphilosophie gestellt werden, die Sinn nicht als vorgegebenes Ziel, sondern als persönliche Sinngebung versteht (vgl. Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts, 1943). Die Abwesenheit eines vorgegebenen Zieles führt zu einer Freiheit, die aber auch Ambivalenz beinhaltet – man handelt, weil man es tut, nicht weil man ein definiertes Ziel verfolgt.

 

3. Widerspruch und soziale Reaktionen

Der Dialog zeigt, dass das individuelle Tun, ungeachtet einer bewussten Zielsetzung, einen „Widerspruch erzeugt zum Tun anderer“. Dieses Stören ruft Angst hervor – die Angst vor dem Verlust von Sicherheiten und gewohnten Identitäten. Die Verteidigung der „berühmten Gewissheiten“ wird als Selbstschutz verstanden, da sie nicht nur Eigenschaften, sondern die Identität der Personen selbst betreffen.

Dieser Befund korrespondiert mit dem philosophischen Konzept der „Sozialen Identität“ (Tajfel & Turner, 1979), wonach Menschen ihre Identität in der Zugehörigkeit zu stabilen Gruppen und gewohnten Weltbildern finden. Veränderung wird als Bedrohung empfunden, was soziale Konflikte und Widerstände erklärt.

 

4. Die Spannung zwischen Sein und Tun

Schließlich verweist der Dialog auf eine fundamentale philosophische Fragestellung: Was ist eigentlich das Tun an sich? Die Frage „Was tue ich eigentlich?“ bleibt unbeantwortet, ein Verweis auf die Schwierigkeit, das eigene Handeln klar zu fassen. Dies erinnert an philosophische Traditionen, die das Verhältnis von Reflexion und Handeln thematisieren. Martin Heidegger etwa spricht vom „In-der-Welt-Sein“, das primär praktisch und vor-reflexiv ist (Heidegger, Sein und Zeit, 1927).

Das Angebot, diese Frage zu einem späteren Zeitpunkt zu erörtern, deutet auf den Prozesscharakter des Verstehens und der Selbstreflexion hin – philosophisches Denken ist nie abgeschlossen, sondern ein steter Prozess.

 

Fazit

Der Dialog illustriert exemplarisch die komplexe Beziehung zwischen philosophischen Kategorien und individueller Lebenspraxis. Das Nicht-Identifizieren mit einer philosophischen Schule, das Handeln aus intrinsischem Sinn und die daraus resultierenden sozialen Spannungen zeigen die Vielfalt möglicher Zugänge zur Frage nach dem „richtigen Tun“. Gleichzeitig bleibt die Reflexion über das eigene Handeln offen, was die Dynamik philosophischer Selbstverortung verdeutlicht.

 

Literaturhinweise

  • Srnicek, Nick & Williams, Alex. Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work. Verso, 2015.

  • Arendt, Hannah. Vita Activa oder Vom tätigen Leben. Suhrkamp, 1958.

  • Sartre, Jean-Paul. Das Sein und das Nichts. 1943.

  • Tajfel, Henri & Turner, John C. „An Integrative Theory of Intergroup Conflict.“ In: The Social Psychology of Intergroup Relations, 1979.

  • Heidegger, Martin. Sein und Zeit. 1927.

Just like that

This dialogue exemplifies the intricate relationship between philosophy, personal identity, and action. It reveals how individuals may resist or reinterpret philosophical labels, act without explicit goals, yet still impact social and political realities. The tension between intrinsic motivation and external categorization enriches our understanding of human agency in contemporary contexts.

If I understand you correctly, you are a proponent of accelerationist philosophy. Did you consciously choose this philosophical approach?

 

It may seem that way from the outside, but I don't consider myself an accelerationist. I simply do what makes sense to me. I enjoy it, and I can't do anything else. If I couldn't or weren't allowed to do it anymore, I wouldn't feel truly complete — if you know what I mean — I would more or less just function. Interestingly, until recently, I wasn't even familiar with accelerationism as a philosophical movement. But I was looking for a term to somehow classify what I do, and I found 'acceleratism' to be the right one. Perhaps I'll come up with another word, since, as I said, I can't really identify with the philosophy of accelerationism. What I lack is this sense of purpose. Because what I do, I do without any reference to any political goals. But of course, it can be, and probably is, that it all amounts to the same thing in the end. The explosiveness lies quite simply in the fact that what I do creates a contradiction to what others do. It bothers others because it triggers the fear that they might lose something, something they believed to be certain, something they were entitled to. These are the famous certainties that are defended with all their might, because they are not just characteristics of the person, but also the person themselves.

 

Okay. Let's leave philosophy alone and talk about what you do, simply because you do it. What are you actually doing?

 

Exactly. What am I actually doing? That's a good question. Could we talk about that at a later time?

 

Sure.

Analysis

The dialogue provides a fascinating insight into the tension between philosophical classification and lived experience. At its core lies the question of self-identification with accelerationism—a contemporary philosophical movement—and the broader issue of how individuals relate their actions to philosophical or political frameworks.

 

1. Accelerationism: Philosophy and Practice

Accelerationism, broadly speaking, is a philosophical stance that advocates for the intensification of capitalist and technological processes as a way to bring about radical social change (Srnicek & Williams, 2015). It assumes a purposeful engagement with systemic acceleration aimed at transformation or collapse, often tied to specific political goals.

However, the interlocutor in the dialogue distances themselves from this explicit philosophical commitment. They do not consciously adopt accelerationism as a guiding doctrine but instead act out of intrinsic motivation—doing what “makes sense” and brings them “joy.” This distinction highlights the difference between intellectual categorization and personal praxis, a divide discussed extensively in philosophical literature. For instance, Hannah Arendt (1958) differentiates between theoretical knowledge and the praxis of action, emphasizing the unpredictable and spontaneous nature of human activities.

 

2. Lack of Goal-Directedness and Political Agenda

A central point made by the speaker is the absence of an explicit goal or political purpose in their actions. Unlike many accelerationists who seek to strategically accelerate capitalism’s contradictions to achieve a political outcome, this individual acts without such a teleological framework. This reflects existentialist themes where meaning is not pre-given but created through authentic action (Sartre, 1943).

This absence of goal-oriented behavior does not, however, mean the actions are politically neutral. The speaker acknowledges that their activity “probably amounts to the same thing” as accelerationism in effect, if not in intent. This underscores a key philosophical insight: unintended consequences often carry as much weight as conscious intentions (Weber, 1922). Actions can disrupt established norms and provoke reactions regardless of whether the actor embraces a political agenda.

 

3. Conflict and the Defense of Certainty

The dialogue touches on the social dynamics triggered by disruptive action. The speaker’s behavior “creates a contradiction to what others do,” provoking fear of loss among those invested in the status quo. This phenomenon resonates with social identity theory (Tajfel & Turner, 1979), which explains that individuals derive their self-concept from perceived stable group memberships and resist challenges to established norms.

The “famous certainties” defended by others are not mere traits but constitute core aspects of their identity. Philosophically, this relates to Charles Taylor’s notion of the “social imaginaries” that ground individual and collective identities (Taylor, 2004). Change threatens not just material conditions but the very frameworks through which people understand themselves.

 

4. The Question of Action and Self-Understanding

Finally, the dialogue ends with the open question: “What am I actually doing?” This question remains unanswered, pointing to the complexity of self-understanding and intentionality in action. Martin Heidegger’s concept of “Being-in-the-world” (1927) suggests that much of human action is pre-reflective and only later articulated in conceptual terms.

This open-endedness invites further reflection on the nature of agency and the limits of philosophical classification. It also highlights that lived experience and self-expression can precede or evade intellectual frameworks.

 

Conclusion

This dialogue exemplifies the intricate relationship between philosophy, personal identity, and action. It reveals how individuals may resist or reinterpret philosophical labels, act without explicit goals, yet still impact social and political realities. The tension between intrinsic motivation and external categorization enriches our understanding of human agency in contemporary contexts.

 

References

  • Arendt, Hannah. The Human Condition. University of Chicago Press, 1958.

  • Heidegger, Martin. Being and Time. 1927.

  • Sartre, Jean-Paul. Being and Nothingness. 1943.

  • Srnicek, Nick & Williams, Alex. Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work. Verso, 2015.

  • Tajfel, Henri & Turner, John C. “An Integrative Theory of Intergroup Conflict.” In The Social Psychology of Intergroup Relations, 1979.

  • Taylor, Charles. Modern Social Imaginaries. Duke University Press, 2004.

  • Weber, Max. Economy and Society. 1922.