Political correctness

Der absurde, aber tiefgründige Dialog stellt auf spielerische Weise Fragen nach Normen, sozialen Konventionen und Selbstverhältnissen. Dabei entwickelt der Text aus einer scheinbar banalen Geste eine Reflexion über intime Distanz, gesellschaftliche Regeln und deren paradoxe Anwendung.

Kannst du mir mal an die Nase fassen?

 

Ist gerade schlecht...

 

Warum?

 

Ach, ich bin gerade nicht so in Stimmung.

 

Das kenne ich. Muss man sich einfach überwinden. Auch wenn es schwerfällt.

 

Sonst bin ich ja nicht so mit solchen Dingen, aber manchmal...

 

Und später?

 

Warum nicht... Zur Überbrückung könntest du dir doch selbst ein wenig an die Nase fassen. Ich weiß, das ist nicht dasselbe...

 

Das funktioniert nicht. Hab ich schon probiert. Ich meine, du siehst sie doch auch viel besser.

 

Und ein Spiegel?

 

Das käme mir merkwürdig vor. Mich dabei beobachten, wie ich mir an die Nase fasse. Das geht gar nicht.

 

Hast recht. Komische Vorstellung... Du, ich denke, ich bin jetzt soweit.

 

Alles klar. Soll ich die Luft anhalten?

 

Hältst du sie sonst auch an?

 

Ich glaube schon.

 

Dann mach es wie immer. Ist jetzt nicht die Zeit für Experimente.

 

Verstehe.

 

Also gut. Ich nehme übrigens die rechte Hand.

 

Ist mir recht.

 

So... Das war’s. Alles wieder gut?

 

Bestens. Ich danke dir.

 

Kein Problem. Sag mal, ist es eigentlich politisch korrekt, jemandem an die Nase zu fassen?

 

Ich glaube nicht. Soweit ich weiß, ist es erwünscht, sich nur an die eigene Nase zu fassen.

 

Tatsächlich? Das ist aber blöd. Warum ist das so?

 

Das verstehe ich auch nicht.

 

Ich könnte mir doch überall hinfassen, warum ausgerechnet an die Nase? Rätselhaft. Wird auch etwas darüber gesagt, wie oft man sich an die Nase fassen soll?

 

Nicht dass ich wüsste. Ich vermute einmal am Tag sollte genügen.

 

Das gefällt mir alles nicht.

 

Hilft ja nichts. Und sonst? Zuhause alles ok?

 

Wie immer.

 

Wir sehen uns.

 

Bis dann. 

Analyse

Der absurde, aber tiefgründige Dialog „Political correctness“ stellt auf spielerische Weise Fragen nach Normen, sozialen Konventionen und Selbstverhältnissen. Dabei entwickelt der Text aus einer scheinbar banalen Geste – dem Anfassen der Nase – eine Reflexion über intime Distanz, gesellschaftliche Regeln und deren paradoxe Anwendung.

 

1. Die Nase als symbolischer Ort

Im Zentrum des Dialogs steht eine eigenartige Bitte: „Kannst du mir mal an die Nase fassen?“ Was zunächst wie ein kindlicher Impuls wirkt, öffnet ein vielschichtiges Spielfeld der Bedeutungen. Die Nase ist nicht nur ein Körperteil – sie ist symbolisch aufgeladen: als Ort des Lügens („an die eigene Nase fassen“), des Riechens (Instinkt, Intuition) und der Nähe.

Die Geste ist ein Bruch mit sozialen Regeln, denn sie überschreitet körperliche und psychologische Intimsphären. Insofern ist sie ein idealer Einstieg in die Auseinandersetzung mit politischer Korrektheit, verstanden als die soziale Regelung dessen, was in bestimmten Kontexten „angemessen“ oder „erwünscht“ ist.

 

2. Die Performanz von Nähe und Absurdität

Der Text spielt mit der absurden Ernsthaftigkeit, mit der über eine simple Geste verhandelt wird. Der Gesprächsverlauf folgt einer fast medizinisch wirkenden Etikette:

„Also gut. Ich nehme übrigens die rechte Hand.“
„Ist mir recht.“
„So... Das war’s. Alles wieder gut?“
„Bestens. Ich danke dir.“

Die ritualisierte Sprache überträgt dabei gesellschaftlich vertraute Gesprächsformeln – z.B. aus Arztpraxen oder Therapiesettings – auf eine vollkommen absurde Situation. Dieses Stilmittel erinnert an Eugène Ionesco oder Samuel Beckett, bei denen Banalitäten durch Wiederholung und Kontextverschiebung ihre absurde Tiefe entfalten.

 

3. Politische Korrektheit als kulturelle Regelmaschine

Der Titel „Political correctness“ lenkt die Aufmerksamkeit auf den eigentlichen Kern des Textes: Welche Gesten, Begriffe oder Verhaltensweisen gelten als akzeptabel – und wer bestimmt das?

„Sag mal, ist es eigentlich politisch korrekt, jemandem an die Nase zu fassen?“
„Ich glaube nicht. Soweit ich weiß, ist es erwünscht, sich nur an die eigene Nase zu fassen.“

Hier wird die bekannte Redewendung „sich an die eigene Nase fassen“ wörtlich genommen – und damit das Regelwerk der political correctness auf den Prüfstand gestellt. Der Dialog karikiert die moralische Selbstkontrolle, die mit dem Begriff oft assoziiert wird: Man soll nicht den anderen beurteilen, sondern sich selbst reflektieren. Diese Ethik des „bei sich bleibens“ wird ad absurdum geführt – denn physisch ist die Geste an der eigenen Nase ebenso sinnlos wie symbolisch überladen.

 

4. Spiegelungen und Selbstbeobachtung

Ein zentrales Motiv im Text ist das der Selbstbeobachtung:

„Das käme mir merkwürdig vor. Mich dabei beobachten, wie ich mir an die Nase fasse. Das geht gar nicht.“

Die Ablehnung des Spiegels verweist auf das Unbehagen, sich selbst beim Erfüllen normativer Anforderungen zu sehen – eine Erfahrung, die mit Michel Foucaults Idee der Disziplinierung durch Selbstüberwachung resoniert. Was „politisch korrekt“ ist, wird verinnerlicht – der Einzelne beobachtet sich selbst, als ob er von außen gesehen würde. Die Figur im Dialog lehnt diese Form der Selbstkontrolle intuitiv ab, weil sie sich nicht natürlich anfühlt.

 

5. Kritik an Normierung und Absurdität

Der Text stellt die Regeln der political correctness nicht frontal infrage, sondern führt sie durch Überspitzung ad absurdum. Dass es eine „korrekte“ Stelle zum Anfassen gibt, dass man dies nur einmal am Tag tun sollte, dass man vorher fragt, ob jemand die Luft anhält – all das sind Überhöhungen realer Debatten über soziale Sensibilität, die hier ins Komisch-Groteske kippen.

Gleichzeitig bleibt der Ton nie aggressiv oder zynisch – der Text ist eine sanfte, ironische Kritik, keine Ablehnung von Empathie oder Rücksichtnahme. Vielmehr stellt er die Frage: Wann wird Rücksicht zum Regelkorsett? Und wann beginnt die Regel, sich selbst zu parodieren?

 

6. Zwischen Alltag und Philosophie

Typisch für die Proemial-Texte ist die Mischung aus Alltäglichkeit und philosophischer Tiefe. Die Dialoge erinnern in ihrer Form an Sokratische Gespräche, in denen durch scheinbar naive Fragen grundlegende Themen aufgeworfen werden. Auch hier wird das Konzept der Normativität nicht theoretisch, sondern spielerisch behandelt – das Gespräch als Ort des Denkens, das nicht belehren will, sondern nachdenklich macht.

 

Fazit: Eine Nase ist keine Norm

„Political correctness“ ist kein Text gegen Rücksichtnahme – sondern eine ironisch-philosophische Einladung, sich mit den Grenzen von Normativität, Symbolik und Nähe auseinanderzusetzen. Die Nase als symbolischer Ort wird zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Fragen:

  • Wer bestimmt, was korrekt ist?

  • Wann wird das Private politisch – oder das Politische lächerlich?

  • Und kann man überhaupt darüber sprechen, ohne selbst Teil des Spiels zu werden?

In einem Zeitalter, in dem Empfindlichkeit und Meinungsfreiheit oft als Gegensätze behandelt werden, bietet dieser Dialog einen charmanten, nachdenklichen Gegenentwurf: Nicht die Regel steht im Zentrum, sondern die Reflexion über sie. Und manchmal hilft es vielleicht doch, sich einfach einmal selbst an die Nase zu fassen.

 

Weiterführende Denker und Parallelen:

  • Michel Foucault, Überwachen und Strafen – Selbstdisziplinierung durch Normen

  • Judith Butler, Körper von Gewicht – Normierung und Performativität

  • Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen – Sprachspiel und Alltagsphilosophie

  • Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher – Ironie über Konventionen

  • Samuel Beckett, Endspiel – Absurde Rituale in normierten Beziehungen