Leichkömtigen

Der Text stellt keine These auf, die man diskutieren könnte, sondern bringt die Leserin, den Leser in eine Stimmung: Zwischen Aufbruch und Verstummen, zwischen Bedeutung und Entleerung. Er ist ein performatives Fragment – ein Text, der sein eigenes Thema in der Form realisiert: das Scheitern der Kommunikation, das Schweben im Möglichen, das Verschwinden beim Hinsehen.

Schwerkraft

 

Es geht und weiter! (rufen sie)

Komm ich mit? (soviel, zuviel)

Bin dabei. (abgetrennt)

Gut sind sie. (zufrieden)

So geschieht es. (ansteckend)

Mach einen Witz! (der letzte)

 

 

 

Ok, danke.

 

Kein Problem. So ist das eben. Es geht um die Ermöglichung des möglicherweise Möglichen. Oder vielmehr um seine Nicht-Bedingungen.

 

Kommunikation? Oder nicht?

 

Und ihre Ermöglichung. Sowie die Ermöglichung ihrer Ermöglichung.

 

Kommt mir bekannt vor...

 

Positivsprachliche Sackgasse. Zirkuläres Dilemma. Entschwindend, wenn du fokussierst.

 

Also?

 

...

 

Verstehe.

Analyse

Der kryptische Text „Leichkömtigen“ ist ein Sprachspiel und Denkversuch an den Rändern der Artikulierbarkeit. Er arbeitet mit Fragmenten, mit Parolen und Phrasen, die zugleich von Bedeutungen angedeutet und entleert sind. Das zentrale Thema scheint das Verhältnis von Kommunikation, Möglichkeit und deren Bedingungslosigkeit zu sein – verhandelt in einer poetisch-philosophischen Geste, die sich einem traditionellen Zugriff widersetzt. Der Text lebt von Ambiguität, vom Schweigen und vom Widerstand gegen das positivsprachliche Denken. Seine Nähe zu poststrukturalistischem Denken, etwa bei Derrida oder Jean-Luc Nancy, ist deutlich spürbar.

 

1. Leichte Ankünfte – das Leichte und das Kommen

Schon der Titel „Leichkömtigen“ ist mehrdeutig. Man liest „leicht“, „kommen“ und „-igen“ – eine Mischung aus einem Zustand und einem Geschehen, beinahe wie eine ironische Version von „Neuankömmlinge“: jene, die leicht (oder leichtfertig?) kommen – vielleicht auch gehen. Diese Sprachneuschöpfung deutet an, dass hier etwas Unfassbares, Schweifendes, nicht Festzuhaltendes thematisiert wird.

Die ersten Zeilen des Textes wirken wie Protokolle eines sich auflösenden Gesprächs oder Chor-Rufens:

„Es geht und weiter! (rufen sie) / Komm ich mit? (soviel, zuviel) / Bin dabei. (abgetrennt)“

Diese Zeilen sind gleichzeitig affirmativ und gebrochen: Der kollektive Ruf nach Fortschritt („Es geht und weiter!“) steht neben der individuellen, zweifelnden Frage („Komm ich mit?“) und endet in einem paradoxen „Bin dabei – abgetrennt“. Hier deutet sich an: Beteiligung ohne Verbindung, Teilnahme ohne Eingebundensein. Eine Konstellation moderner Subjektivität?

 

2. Kommunikation als leere Geste?

„Mach einen Witz! (der letzte)“

In dieser Zeile kulminiert das Fragmenthafte des Dialogs in einem absurden Appell: Humor als letzter Anker in einer sonst bedeutungsarmen Welt. Es folgt der Übergang in den erklärenderen Teil des Texts:

„Es geht um die Ermöglichung des möglicherweise Möglichen. Oder vielmehr um seine Nicht-Bedingungen.“

Hier scheint der Text bewusst auf eine metaphysisch radikale Ebene zu wechseln. Was bedeutet „die Ermöglichung des möglicherweise Möglichen“? Dieser Ausdruck erinnert an die Ontologie der Möglichkeit, wie sie etwa Heidegger oder Giorgio Agamben entfalten. Letzterer unterscheidet zwischen potentia essendi (Möglichkeit des Seins) und einer potentia non essendi (Möglichkeit des Nicht-Seins).

Doch der Text treibt es noch weiter: Es geht nicht nur um die Bedingungen der Möglichkeit (wie in Kant), sondern um deren Nicht-Bedingungen – also um das radikal Unfundierte, Nicht-Ableitbare, Entzogene. Das Mögliche ist nicht durch eine Grundlage gesichert, sondern erscheint kontingent, brüchig, wie aus einem Riss in der Wirklichkeit.

 

3. Sprache und ihr Ende

„Kommunikation? Oder nicht?“

Diese knappe Frage ist nicht rhetorisch, sondern existenziell. Denn im Text kippt die Kommunikation immer wieder ins Schweigen, ins Fragment, ins Unbegriffene. Auch dies erinnert an poststrukturalistische Kritik an der Sprache als stabilem Medium von Sinn.

„Positivsprachliche Sackgasse. Zirkuläres Dilemma. Entschwindend, wenn du fokussierst.“

Hier wird der Versuch benannt, mit positivistischer Sprache Sinn zu fassen – ein Versuch, der scheitert, weil die Sache selbst sich entzieht, sobald man sie fixieren will. Das erinnert an Heisenbergs Unschärferelation in physikalischer, aber auch an Derridas Idee der différance: Der Sinn ist immer verschoben, nie ganz da, immer flüchtig.

Auch die Struktur des Texts verweigert sich der Aussage: Fragmentierung statt Argumentation, Andeutung statt Bestimmung. Die Schlusszeile des Texts ist bezeichnend:

„Verstehe.“

Ironisch, resignativ, vielleicht auch ernst – aber was genau verstanden wurde, bleibt offen. Es ist eine Geste der Zustimmung ohne Inhalt, eine Anerkennung des Unverstehbaren – das stille „Amen“ einer Philosophie des Schweigens.

 

4. Leichkömtige als Figur des Zeitgenössischen?

Was also sind die Leichkömtigen? Vielleicht sind es jene, die sich nicht mehr im System der Positivität verorten lassen. Grenzgänger, Suchende, die sich im Spannungsfeld von Möglichkeit und Bedeutungsverlust bewegen. Sie könnten die symbolischen Figuren einer Gegenwart sein, die in immer stärker zerfallenden Kommunikationsstrukturen nach Sinn suchen – und dabei auf Nicht-Bedingungen, auf pure Kontingenz, auf das „Noch-nicht“ des Denkbaren stoßen.

 

Fazit: Vom Schweigen der Sprache zum Denken des Unmöglichen

Der Text „Leichkömtigen“ stellt keine These auf, die man diskutieren könnte, sondern bringt die Leserin, den Leser in eine Stimmung: Zwischen Aufbruch und Verstummen, zwischen Bedeutung und Entleerung. Er ist ein performatives Fragment – ein Text, der sein eigenes Thema in der Form realisiert: das Scheitern der Kommunikation, das Schweben im Möglichen, das Verschwinden beim Hinsehen.

In diesem Sinn ist der Text vielleicht weniger zu analysieren als zu erfahren – als eine Art literarisch-philosophischer Koan: eine Frage, die sich der Antwort verweigert, um das Denken in Bewegung zu setzen.

 

Weiterführende Referenzen:

  • Martin Heidegger – Was heißt Denken?

  • Jacques Derrida – Die Schrift und die Differenz

  • Giorgio Agamben – Die kommende Gemeinschaft

  • Jean-Luc Nancy – La communauté désœuvrée (Die undarstellbare Gemeinschaft)

  • Maurice Blanchot – Die unendliche Konversation

  • Ludwig Wittgenstein – Tractatus logico-philosophicus (besonders §7: „Wovon man nicht sprechen kann...“)