Ein wortspielerischer, aber erkenntnistheoretisch ernster Text. Er zeigt, dass „Folgen“ nicht bloß ein mechanischer Prozess der Deduktion ist, sondern ein kreativer, offener, reflexiver Akt. Der „Folger“ wird zur Metapher des Denkenden, der sich durch Sprache, Muster, Abweichung und Intuition seinen eigenen Weg durch die Welt bahnt.
Ein Folger?
Ich bin tatsächlich ein Folger und mache gerade eine neue Folge, indem ich konzentriert folge. Sie wollen auch ein wenig folgen?
Warum nicht. Sagen Sie, was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht gerade folgen?
Wenn ich nicht gerade folge, dann folge ich ungerade. Es freut mich ungemein, dass Sie wissen, dass es gerade und ungerade Folgen gibt.
Danke. Haben Sie möglicherweise bevorzugte Folgen?
Einerseits bin ich ein leidenschaftlicher Folger, andererseits folgt daraus nicht, dass ich Präferenzen für bestimmte Folgenarten habe. Doch sind Sie nicht ganz im Unrecht. Früher, in meinen Anfangsjahren als junger Folger, hatte es für mich schon eine Rolle gespielt. Ich achtete immer sehr genau auf ein ausgeglichenes Folgenverhältnis. Ich dachte, dass es vielleicht Folgen haben könnte, wenn man als Folger nur auf eine einzige Art folgt. Heute weiß ich, dass diese Bedenken unbegründet waren. Das geht schlicht und einfach in der Statistik unter. Folglich vertraue ich nur meinem Instinkt, was die Auswahl der Folgenart angeht. Ich konnte auch noch keine negativen Folgen feststellen. Daher kann ich jedem angehenden Folger nur empfehlen, der inneren Stimme zu folgen und sich keine folgenschweren Gedanken zu machen. Durch kontinuierliche Arbeit am eigenen Folgenreich, wird sich der gewünschte Folgenreichtum ganz folgerichtig einstellen.
Sehr interessant und weiterhin viel Erfolg.
Analyse
1. Einleitung: Philosophieren mit Wortspielen
Der Text „Folgenreichtum“ ist ein subtiles Spiel mit Sprache, Logik und Philosophie – ganz im Stil des Blogs, der durch scheinbar absurde Dialoge tiefgründige Überlegungen transportiert. Der Begriff der Folge wird hier sowohl semantisch als auch konzeptuell ausgereizt: in der mathematischen, logischen, psychologischen und sogar existenziellen Dimension.
Was zunächst wie eine humorvolle Parodie auf rationale Systematik klingt, offenbart sich als ein diskursiver Versuch, dem Prinzip des „Folgens“ auf den Grund zu gehen – in seiner Vieldeutigkeit, seinem Anspruch auf Ordnung, und seiner paradoxerweise stets drohenden Beliebigkeit.
2. Die Vielschichtigkeit des Folgens
Bereits die erste Wortwendung ist doppeldeutig:
„Ich bin tatsächlich ein Folger und mache gerade eine neue Folge, indem ich konzentriert folge.“
Hier treffen mindestens drei Ebenen des Wortes Folge aufeinander:
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Logisch-semantisch: Etwas folgt aus etwas anderem – wie in der Deduktion.
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Zeitlich-narrativ: Eine Folge als Teil einer Serie – z.B. in Medien oder Prozessen.
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Psychologisch-existenziell: Das Folgen als Haltung oder Tätigkeit – jemandem, etwas oder sich selbst folgen.
Die Selbstbezeichnung als Folger stellt eine reflexive Praxis dar: Der Sprecher ist nicht nur jemand, der folgt, sondern jemand, der sich dessen bewusst ist – und daraus sein eigenes Folgenreich formt. Dies erinnert an Søren Kierkegaards Idee des Einzelnen, der in einem paradoxen Akt des Selbstverhältnisses zum Selbst wird (→ „Der Einzelne vor Gott“). Auch bei Kierkegaard ist „Folgen“ ein existenzielles Geschehen – etwa im christlichen Sinne: „Nachfolge“.
3. Folgenarten: Gerade und ungerade, regelhaft und intuitiv
Ein Kernmotiv des Textes ist die Unterscheidung von „geraden“ und „ungeraden“ Folgen – ein sprachliches Spiel, das auf mathematische Begriffe verweist, aber zugleich als Metapher fungiert. Gerade Folgen symbolisieren Ordnung, Regelmäßigkeit, Planbarkeit – ungerade hingegen Abweichung, Bruch, Kreativität. Dies eröffnet eine interessante Brücke zur Systemtheorie (Luhmann): Systeme operieren mit Unterscheidungen, aber auch mit struktureller Kopplung an das, was sie nicht sind – also an das „Ungerade“.
„Ich dachte, dass es vielleicht Folgen haben könnte, wenn man als Folger nur auf eine einzige Art folgt.“
Diese Reflexion erkennt die Gefahr der Einseitigkeit im Denken. Wer nur einem Denksystem, einer Disziplin oder Methode folgt, wird früher oder später blind für andere Möglichkeiten – eine These, die stark an Paul Feyerabends „Anything goes“ erinnert. Die Vielfalt der Folgeformen steht hier sinnbildlich für methodische Pluralität und Offenheit.
4. Folgenreich und Folgenreichtum: Denken als Kulturtechnik
Besonders bemerkenswert ist das Spiel mit den Begriffen Folgenreich und Folgenreichtum:
„Durch kontinuierliche Arbeit am eigenen Folgenreich, wird sich der gewünschte Folgenreichtum ganz folgerichtig einstellen.“
Hier klingt ein fast spirituelles Entwicklungsmodell an: Philosophieren als disziplinierte, wiederholte Praxis, bei der das „Folgen“ zu einer Kulturtechnik wird – nicht unähnlich der sokratischen Maieutik oder des Zen. Der „Folgenreichtum“ ist kein externer Lohn, sondern das Ergebnis einer konsequenten Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken. Das erinnert an Pierre Hadot, der Philosophie als „Lebensform“ beschreibt – als Übung und Transformation.
Zugleich lässt sich der Begriff Folgenreichtum auch gesellschaftlich deuten: Wer fähig ist, viele mögliche Folgen (z.B. von Entscheidungen, Gedanken, Handlungen) zu erkennen, besitzt Weitsicht, Differenzierungskompetenz, Verantwortung.
5. Zwischen Ironie und Ernst: Die Metareflexion des Denkens
Der Text spielt bewusst mit der Grenze zwischen Sinn und Unsinn, Bedeutung und Beliebigkeit. Er nimmt die eigene Sprachlichkeit zum Anlass, um sich selbst zu hinterfragen. Der Dialog wirkt zunächst harmlos und humorvoll, doch durch seine zirkulären Strukturen und semantischen Verschiebungen offenbart sich ein tiefes, fast dekonstruktives Moment: Was, wenn alles nur Folge ist – aber keiner weiß, wovon?
Hier zeigt sich eine Verwandtschaft zur Dekonstruktion Jacques Derridas, insbesondere zu seiner Kritik an der „Logozentrik“: der Vorstellung, es gäbe ein stabiles Zentrum, einen Ursprung oder eine Wahrheit, der man einfach folgen kann. In „Folgenreichtum“ wird diese Erwartung ironisch unterlaufen – alles ist Folge, aber ohne eindeutige Ursache.
6. Fazit: Philosophieren als Folgenkunst
„Folgenreichtum“ ist ein wortspielerischer, aber erkenntnistheoretisch ernster Text. Er zeigt, dass „Folgen“ nicht bloß ein mechanischer Prozess der Deduktion ist, sondern ein kreativer, offener, reflexiver Akt. Der „Folger“ wird zur Metapher des Denkenden, der sich durch Sprache, Muster, Abweichung und Intuition seinen eigenen Weg durch die Welt bahnt.
In einer Zeit, in der viele nach klaren Ursachen, einfachen Kausalitäten und linearen Entwicklungen suchen, erinnert dieser Text daran, dass die Welt komplexer ist – und dass Weisheit vielleicht darin besteht, diese Komplexität mit Leichtigkeit und Ironie zu folgen.
Philosophische Bezüge und weiterführende Lektüre:
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Søren Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode – Das Selbst als Aufgabe
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Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang – Pluralismus der Wissenschaft
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Jacques Derrida: Grammatologie – Dekonstruktion von Ursprung und Bedeutung
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Pierre Hadot: Philosophie als Lebensform – Übung und Transformation
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Niklas Luhmann: Einführung in die Systemtheorie – Operative Geschlossenheit und Differenz
