Ein scheinbar harmloses Gedicht, das durch seine Sprachspielerei an Kindergedichte erinnert – aber gerade in dieser Form die Abgründe des Seins aufruft. Eine tiefere Reflexion über Verlust, Angst, Orientierungslosigkeit und die Absurdität des Seins – in der Tradition von Dadaismus, Kindergedichten mit düsterem Subtext und der absurden Philosophie eines Albert Camus oder Samuel Beckett.
nabbla, habbla, hobbla-die,
wo ist das alte federvieh,
gestern war es,
heute nicht,
alles bleibt,
das ei zerbricht.
nabbla, habbla, hobbla-deh,
augen auf, herum dich dreh,
wo schaust du hin,
krieg keinen schreck,
gut‘ nacht, herr fuchs,
ich mich versteck.
na-babbla-dah, na-babbla-doh,
na-bibbel, na-bubbel,
ti-rallala-loh,
düdü-delli-dei, didam-dülli-deg,
was bleibt, ist geblieben,
was fort geht,
ist weg.
Analysis
Das Gedicht „Der Fuchs im Hühnerstall“ ist auf den ersten Blick ein skurriles Sprachspiel, das sich in klangmalerischen Reimen und sinnfreien Silben wie „nabbla, habbla, hobbla-deh“ verliert. Doch unter der Oberfläche dieses scheinbar naiven Versgesangs verbirgt sich eine tiefere Reflexion über Verlust, Angst, Orientierungslosigkeit und die Absurdität des Seins – in der Tradition von Dadaismus, Kindergedichten mit düsterem Subtext und der absurden Philosophie eines Albert Camus oder Samuel Beckett.
1. Phonetik als Bedeutungsträger
Der Text beginnt mit:
„nabbla, habbla, hobbla-die, / wo ist das alte Federvieh“
Bereits in der ersten Zeile begegnet uns ein lautmalerisches, fast nonsensisches Sprachspiel, das an die Sprachspiele von Christian Morgenstern (z. B. „Das große Lalula“) oder die dadaistischen Gedichte eines Hugo Ball erinnert. Es sind Wörter ohne lexikalischen Gehalt – aber mit musikalischem und rhythmischem Wert.
Diese bewusste Dezentrierung von Bedeutung durch lautliche Überfrachtung spiegelt eine tiefere Aussage wider: Sprache wird nicht zur Erklärung der Welt benutzt, sondern zur Darstellung ihrer Unzugänglichkeit.
2. Verlust und Zerfall – Die Metapher des zerbrochenen Eis
„gestern war es, / heute nicht, / alles bleibt, / das Ei zerbricht.“
Hier wird ein starker Kontrast eingeführt: Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Bestand und Bruch. Das Ei – traditionell ein Symbol für Leben, Potential, Fruchtbarkeit – zerbricht. Das mag einerseits ein Bild für Verlust der Unschuld oder Sicherheit sein, andererseits für das Ende eines Kontinuums: „gestern war es – heute nicht“.
Auch hier hallt ein existenzialistischer Gedanke wider: Die Welt ist nicht stabil, sondern brüchig, fragmentiert, wie es etwa Heidegger oder Camus beschrieben – und der Mensch findet in dieser Brüchigkeit keinen festen Halt.
3. Angst und Verstecken – Der Fuchs als Bedrohung
„augen auf, herum dich dreh, / wo schaust du hin, / krieg keinen schreck, / gut’ nacht, herr fuchs, / ich mich versteck.“
In diesen Zeilen nimmt das Gedicht fast die Struktur eines Kinderreims an – doch mit düsterem Unterton. Der Fuchs, klassisch ein Räuber im Hühnerstall, steht hier symbolisch für Bedrohung, Unsicherheit, vielleicht auch den Tod. Das lyrische Ich reagiert mit Rückzug: „ich mich versteck“.
Es erinnert an den Schrecken des Alltäglichen, wie ihn z. B. Franz Kafka beschreibt: Bedrohung nicht als Ausnahme, sondern als normaler Bestandteil des Seins. Das Kindliche des Reims steht dabei in Kontrast zur realen Angst – eine Taktik, die auch Kinderlieder wie „Ringel, Ringel, Reihe“ zu subversiven Gedichten über Sterblichkeit macht.
4. Sprachauflösung und philosophischer Schluss
„na-babbla-dah, na-babbla-doh, / na-bibbel, na-bubbel, / ti-rallala-loh“
In diesen Zeilen löst sich Sprache fast vollständig von semantischem Gehalt. Sie wird reiner Klang, Rhythmus, Melodie. Doch was folgt, ist bemerkenswert:
„was bleibt, ist geblieben, / was fort geht, / ist weg.“
Diese lapidar klingende Aussage enthält – bei aller Tautologie – eine fast buddhistische oder existenzialistische Wahrheit: Was bleibt, bleibt – was geht, ist weg. Einfach, aber unumstößlich. Die absurde Schlichtheit des Satzes erinnert an die ironische Nüchternheit Camus', etwa wenn dieser in „Der Mythos des Sisyphos“ sagt, dass wir ohne Trost leben müssen – und dennoch weitermachen.
Es ist ein poetischer Ausdruck der conditio humana: das Anerkennen der Vergänglichkeit ohne Drama – aber auch ohne Erlösung. Das „Federvieh“ ist weg, das Ei ist zerbrochen, der Fuchs geht um – und doch singen wir weiter unsere Silbenlieder.
5. Form und Wirkung
Die Form des Gedichts – kurze Strophen, eingängige Reime, repetitive Lautfolgen – erzeugt eine kindlich-vertraute Atmosphäre, die jedoch schnell von unterschwelliger Unruhe unterwandert wird. Diese Dissonanz zwischen Form und Inhalt verstärkt die Wirkung: Wir werden eingelullt vom Rhythmus, nur um dann durch den Bruch (das zerbrochene Ei, das Verstecken, das Verschwinden) aus der kindlichen Sicherheit gerissen zu werden.
Fazit: Zwischen Kinderrhythmus und Welterkenntnis
„Der Fuchs im Hühnerstall“ ist ein scheinbar harmloses Gedicht, das durch seine Sprachspielerei an Kindergedichte erinnert – aber gerade in dieser Form die Abgründe des Seins aufruft. Die Bedrohung durch den Fuchs, der Verlust des „alten Federviehs“, das zerbrochene Ei: All das sind poetische Chiffren für Vergänglichkeit, Angst, Kontrollverlust – Themen, die in der Philosophie des Absurden, der Sprachkritik und der postmodernen Dekonstruktion zentral sind.
Mit seiner Mischung aus Nonsens, Klangpoesie und tiefer Bedeutung steht das Gedicht in der Tradition von:
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Christian Morgenstern – „Galgenlieder“
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Hugo Ball und Dada – „Karawane“
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Samuel Beckett – „Endspiel“, „Warten auf Godot“
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Albert Camus – „Der Mythos des Sisyphos“
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Wittgenstein – „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“
