Eine düstere, ironisch-satirische Parabel über den Verlust von Sinn in einer Welt permanenter Leistung, reibungsloser Prozesse und totaler Funktionalität. Die Hauptfigur ist kein klassischer Antiheld, sondern ein Sinnbild für eine Existenzform, die durch Zielorientierung, Effizienz und emotionale Abstumpfung definiert ist.
Der kleine Bastard suchte neue Herausforderungen. Ein bisschen Motivation konnte nicht schaden. Jede Menge potentielle Ziele. Wozu ein langwieriger Auswahlprozess? Der Zufall sollte entscheiden. Da konnte hinterher keiner ankommen und sich beschweren, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Der kleine Bastard lachte in sich hinein. Hinterher ankommen. Witzig. Noch nie hatte es irgendwelche Beschwerden gegeben. Wie denn auch? Er machte keine halben Sachen. Alles lief automatisch ab. Wie immer. Und das machte es ja so langweilig. Auch wenn das potentielle Ziel nur zufällig ausgewählte wurde, sich sozusagen freiwillig zu Verfügung stellte, änderte das doch am ganzen Ablauf überhaupt nichts. Wieder und wieder und wieder. Hatte er vielleicht noch andere Talente? Falsche Frage. Könnte er sein unvergleichliches Talent in anderen Zusammenhängen zur Geltung bringen? Mit Sicherheit. Aber wäre er dann zufrieden? Alles schien doch für ihn wie maßgeschneidert? Nun war tatsächlich passiert, was er immer befürchtet hatte. Das Wort, vor dem er immer Angst hatte es auszusprechen. Routine. Oh, Mann! Soweit war es nun gekommen. Hinfort jegliche Begeisterung. Nie mehr den genialen Moment erleben, wenn der Abschluss hergestellt wird. Jetzt war er endlich auch einer von diesen Zombies, die sich durch die Tage quälten und nachts kaum ein Auge zutaten. Es würde wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, bis mitleidige Blicke auf ihm liegen würden. Mitleidige Blicke, in denen das Feuer noch brannte. Genug jetzt. Was war zu tun? Neue Aufgaben mussten her. Dazu gab es keine Alternative. Wenn der kleine Bastard eins gelernt hatte, dann war es bereit zu sein. Richtig. Das war es, was ihn von den anderen unterschied. Und da war auch schon sein Ziel. Konzentration. Handlung. Erledigt. Das war es einfach. Es gab nichts Besseres. Hämisch vor sich hin grinsend ging der kleine Bastard seinen Weg.
(Aus: P.H.‘s „Lil‘ Bastard“, Klangwelt Magazin, 1982)
Analyse
Einleitung: Wenn Effizienz zur Leere wird
Der Text „Moving Target“ ist eine düstere, ironisch-satirische Parabel über den Verlust von Sinn in einer Welt permanenter Leistung, reibungsloser Prozesse und totaler Funktionalität. Die Hauptfigur – der „kleine Bastard“ – ist kein klassischer Antiheld, sondern ein Sinnbild für eine Existenzform, die durch Zielorientierung, Effizienz und emotionale Abstumpfung definiert ist. Was auf den ersten Blick wie eine Karikatur eines Auftragskillers, Agenten oder Roboters wirkt, entpuppt sich schnell als metaphysisches Szenario: Was geschieht, wenn das Handeln perfekt wird – aber ohne Bezug, Resonanz oder Zweifel?
1. Zufall als Systemersatz
„Der Zufall sollte entscheiden. Da konnte hinterher keiner ankommen und sich beschweren […]“
Der „kleine Bastard“ überlässt die Zielwahl dem Zufall – nicht aus spielerischem Geist, sondern aus praktischer Routine. Dies verweist auf eine tiefere Problematik: Der Rückzug aus Verantwortung durch die Externalisierung von Entscheidungen. In einer Welt, in der Entscheidungen algorithmisch delegiert oder durch Prozesse ersetzt werden, verschwindet das Subjekt als moralische Instanz. Hier zeigt sich eine Parallele zu Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen“ – das Böse nicht als Tat eines Monsters, sondern als Ergebnis blinden Funktionierens im System.
2. Routine als existenzielle Bedrohung
„Routine. Oh, Mann! Soweit war es nun gekommen.“
Der zentrale Wendepunkt des Texts ist das Auftauchen des Begriffs „Routine“. Dieser Begriff steht nicht nur für Langeweile, sondern für Entfremdung und Sinnverlust. Der kleine Bastard, einst von seiner „Genialität“ erfüllt, empfindet nun seine Tätigkeit als monoton, austauschbar, seelenlos. Die Beschreibung erinnert an Albert Camus’ Vorstellung des Absurden: Der Mensch wiederholt Handlungen, obwohl sie keinen metaphysischen Sinn mehr stiften. Wie Sisyphos rollt auch der Bastard seine Ziele immer wieder den Berg hinauf – nur ohne Hoffnung auf Erfüllung.
In dieser Hinsicht ist die Figur nicht nur Täter, sondern Opfer der Automatisierung des Lebens. Das effiziente, „perfekte“ Funktionieren entwertet das Erleben. Und genau das beschreibt Byung-Chul Han in Die Müdigkeitsgesellschaft: Die Leistungssubjekte unserer Zeit erschöpfen sich nicht durch Unterdrückung, sondern durch ein Zuviel an Freiheit und Selbstoptimierung, das am Ende in Leere und Depression führt.
3. Die Illusion des Neuanfangs
„Neue Aufgaben mussten her. Dazu gab es keine Alternative.“
Der Ruf nach neuen Aufgaben ist nicht Ausdruck von Neugier oder ethischer Neuorientierung, sondern ein verzweifelter Akt gegen die innere Versteinerung. Dabei bleibt alles beim Alten: Wiederholung, Tötung, Funktionalität. Selbst die „Entscheidung“, etwas zu ändern, ist nur eine weitere Ausführung des immergleichen Programms.
Das Paradoxe daran: Der kleine Bastard will mehr – aber bleibt im Immergleichen gefangen. Dies erinnert an Friedrich Nietzsches Idee der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Wenn jede Handlung unendlich oft wiederholt wird, stellt sich die Frage nach dem Sinn auf radikalste Weise. Kann man ein solches Leben bejahen? Der Bastard tut es – zynisch grinsend. Aber echte Freiheit ist das nicht.
4. Handlung als Ersatz für Bedeutung
„Konzentration. Handlung. Erledigt. Das war es einfach.“
In dieser lakonischen Triade verdichtet sich die Philosophie des Bastards: Ziel – Ausführung – Abschluss. Keine Reflexion, keine Resonanz, kein Zweifel. Diese Haltung erinnert stark an technokratische Logik in Militär, Wirtschaft oder Management – wo Handeln um des Handelns willen zur Tugend erklärt wird. Aber genau darin liegt die Gefahr: Wenn Effizienz den Sinn ersetzt, wird das Menschliche eliminiert.
Der Philosoph Günther Anders beschrieb in Die Antiquiertheit des Menschen die Gefahr, dass der Mensch durch seine Technik überfordert wird, weil er seine eigenen Produkte nicht mehr durchschaut – oder nicht mehr kontrollieren kann. Der kleine Bastard scheint ein Produkt solcher Übertechnisierung: Ein Agent ohne Ziel, ein Macher ohne Sinn, ein Mörder ohne Motiv.
Fazit: Die Tragik des vollkommenen Funktionierens
Der Text „Moving Target“ ist eine bitterböse Reflexion über das Schicksal eines „perfekt funktionierenden“ Menschen, der seine Tätigkeit bis zur völligen Sinnentleerung professionalisiert hat. Der kleine Bastard steht exemplarisch für eine Existenzform, die Handlung, Effizienz und Kontrolle über alles andere stellt – und am Ende nichts mehr fühlt außer der Sehnsucht nach etwas, das nicht mehr benannt werden kann.
Der Text lässt sich lesen als zeitdiagnostische Satire auf Leistungsgesellschaft, Entfremdung und das Ende der Subjektivität. Die ironische, fast sarkastische Erzählhaltung macht ihn doppelt wirksam: Was zunächst wie ein Genrestück wirkt, entpuppt sich als Philosophie in Erzählform, irgendwo zwischen Camus, Arendt und Byung-Chul Han.
Weiterführende Literatur
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Albert Camus – Der Mythos des Sisyphos (Absurdismus und Routine)
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Hannah Arendt – Eichmann in Jerusalem (Banalität des Bösen)
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Byung-Chul Han – Die Müdigkeitsgesellschaft (Überforderung durch Eigenoptimierung)
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Friedrich Nietzsche – Also sprach Zarathustra (Ewige Wiederkehr)
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Günther Anders – Die Antiquiertheit des Menschen (Technik und Entfremdung)
