Der Dialog ist ein philosophisches Kleinod, das mit knapper Sprache eine Vielzahl erkenntnistheoretischer Fragen aufwirft. Seine zentrale Einsicht lautet: Die Schwierigkeit der Wirklichkeit ist nicht real, sondern das Ergebnis eines illusorischen Anspruchs, sie sagen zu können. Doch anstelle von Resignation bietet der Text ein alternatives Modell: Verständigung jenseits der Sagbarkeit.
Ist das denn wirklich so schwierig?
Nur wenn die Schwierigkeit wirklich ist.
Wie schwierig ist die Wirklichkeit?
Schwer zu sagen.
Wie steht es um den Zusammenhang von Schwere der Sagbarkeit und Schwierigkeit der Wirklichkeit?
Ich sehe da keinen Zusammenhang. Die Schwere der Sagbarkeit ist genau genommen eine Unmöglichkeit der Sagbarkeit. Was auch wieder nicht so ganz richtig ist, da man sich verständigen kann. Und mit dem Verständigen habe ich mich von der Sagbarkeit bereits verabschiedet, eben wegen der Unmöglichkeit der Sagbarkeit. Und das hängt zusammen mit der nicht-Sagbarkeit der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit ohne jegliche Schwierigkeit mit sich selbst. Nur ist die Wirklichkeit eben nicht sagbar, und das ist ihre Schwierigkeit, doch nicht die Schwierigkeit der Wirklichkeit selbst. Es ist eine Schwierigkeit als Resultat einer gewollten Sagbarkeit.
Verstehe. Wenn man sagt, dass die Schwierigkeit der Wirklichkeit ihre Sagbarkeit ist, dann tut man so, als wäre diese Schwierigkeit betreffend der Sagbarkeit eine Eigenschaft der Wirklichkeit.
Ja, der übliche Eigenschaftsunsinn.
Dabei entsteht die Schwierigkeit der Sagbarkeit der Wirklichkeit erst, weil man so tut, als hätte die Wirklichkeit grundsätzlich die Eigenschaft der Sagbarkeit. Kurios.
Doch entstehen die Sagbarkeiten erst durch Interaktionen als deren mehr oder weniger stabile Resultate. Wenn man das gleichsetzt...
...entsteht die Schwierigkeit mit der Sagbarkeit der Wirklichkeit.
Wirklich nicht schwierig.
Analyse
Der kurze, dialogische Text „Sagbarkeit und Wirklichkeit“ ist ein präzise komponiertes philosophisches Miniaturstück. In scheinbar beiläufiger Form wird hier eine fundamentale Problematik der Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie aufgeworfen: Kann die Wirklichkeit gesagt werden – oder ist die Sprache an ihren Grenzen, sobald sie es versucht?
Die Gesprächspartner bewegen sich in einem sprachlichen Spielraum zwischen analytischer Klarheit und poetischer Andeutung. Dabei entwickelt sich ein Nachdenken über den Zusammenhang von Wirklichkeit, Sagbarkeit und Verständigung, das durchaus an die großen Sprachskeptiker der Philosophiegeschichte erinnert – nicht zuletzt an Wittgensteins späten Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, 7)
1. Die Schwierigkeit der Wirklichkeit: ontisch oder epistemisch?
Die erste Wendung im Dialog ist bereits ein semantisches Kunststück. Auf die Frage „Wie schwierig ist die Wirklichkeit?“ folgt die Antwort: „Schwer zu sagen.“ Dieser Ausdruck ist doppeldeutig: Er kann sowohl bedeuten, dass die Antwort schwierig ist, als auch, dass die Wirklichkeit schwer in Worte zu fassen ist – und eben darin besteht ihre Schwierigkeit.
Doch schon bald wird klar: Die Schwierigkeit liegt nicht in der Wirklichkeit selbst, sondern in dem Versuch, sie zu sagen. Das ist entscheidend: Die Wirklichkeit selbst ist „ohne Schwierigkeit mit sich selbst“ – sie „ist“ einfach. Schwierig wird sie nur in der Perspektive eines sprachlich artikulierenden Bewusstseins. Damit folgt der Text einer erkenntnistheoretischen Linie, wie sie z. B. in Martin Heideggers Werk auftaucht, wenn er von der „Verdeckung des Seins durch das Gerede“ spricht (Heidegger, Sein und Zeit, §35).
2. Sagbarkeit und Verständigung – zwei verschiedene Dinge
Der Dialog unterscheidet scharf zwischen Sagbarkeit und Verständigung. Während die Sagbarkeit mit der Vorstellung verbunden ist, dass sich Wirklichkeit in sprachlich eindeutige Begriffe fassen lässt, ist Verständigung ein sozialer Akt, ein dynamisches Aushandeln von Sinn.
„Und mit dem Verständigen habe ich mich von der Sagbarkeit bereits verabschiedet, eben wegen der Unmöglichkeit der Sagbarkeit.“
Das bedeutet: Verständigung ist möglich, aber nur jenseits des Anspruchs, dass Sprache Wirklichkeit objektiv oder vollständig wiedergeben könne. Damit bricht der Dialog mit dem klassischen Korrespondenzmodell der Wahrheit (Wirklichkeit = sprachlicher Ausdruck) und nähert sich einem pragmatischen oder konstruktivistischen Sprachverständnis, wie es etwa bei Richard Rorty oder Paul Watzlawick zu finden ist.
3. Die Wirklichkeit ist nicht sagbar – aber das ist kein Problem
Die Gesprächspartner machen sich über das Bedürfnis lustig, Wirklichkeit Eigenschaften zuzuschreiben, etwa die der „Sagbarkeit“. Dies wird als „Eigenschaftsunsinn“ bezeichnet – ein ironischer Begriff, der an Nietzsches Kritik der Sprache erinnert: Begriffe wie „Wirklichkeit“, „Ding“, „Subjekt“ seien nichts als erstarrte Metaphern, die sich verselbständigt haben (Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 1873).
Hier wird klar: Die Schwierigkeit liegt nicht in der Welt, sondern in unserem Versuch, sie zu strukturieren, zu benennen, zu systematisieren. Die Sagbarkeit erzeugt ihre eigene Schwierigkeit – eine sprachlich erzeugte Komplikation, die mit der Realität selbst nichts zu tun hat.
4. Sprache als Spiel – keine Krise, sondern ein Hinweis
Trotz (oder gerade wegen) der Unsagbarkeit ist Sprache nicht sinnlos. Der Dialog endet mit dem Satz: „Wirklich nicht schwierig.“ Das ist nicht nur Ironie, sondern ein Hinweis auf die spielerische Dimension des Denkens. Wenn wir akzeptieren, dass Sagbarkeit und Wirklichkeit nicht identisch sind, eröffnen sich neue Räume des Verstehens – nicht als exakte Beschreibung, sondern als poetisch-philosophische Bewegung, als „Verständigung trotz Unmöglichkeit“.
Dieser Gedanke findet sich auch bei Jacques Derrida, der in der Dekonstruktion die Unmöglichkeit eines „letzten Wortes“ nicht als Mangel, sondern als kreatives Potenzial versteht: Sprache ist ein unabschließbares Spiel von Differenzen, kein geschlossenes Abbild der Welt (Derrida, Die Schrift und die Differenz, 1967).
Fazit: Die Wirklichkeit spricht nicht – wir verständigen uns
Der Dialog „Sagbarkeit und Wirklichkeit“ ist ein philosophisches Kleinod, das mit knapper Sprache eine Vielzahl erkenntnistheoretischer Fragen aufwirft. Seine zentrale Einsicht lautet: Die Schwierigkeit der Wirklichkeit ist nicht real, sondern das Ergebnis eines illusorischen Anspruchs, sie sagen zu können.
Doch anstelle von Resignation bietet der Text ein alternatives Modell: Verständigung jenseits der Sagbarkeit. Die Wirklichkeit mag nicht sagbar sein – aber wir können uns über sie austauschen, metaphorisch, poetisch, tastend. Das ist nicht wenig. Und es ist – wirklich – nicht schwierig.
Philosophische Referenzen:
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Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus (1921)
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Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927)
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Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (1873)
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Jacques Derrida: La différance, Die Schrift und die Differenz (1967)
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Richard Rorty: Philosophie und die Spiegel der Natur (1979)
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Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? (1976)
