Ein minimalistischer, aber hochkonzentrierter Text über die Fragwürdigkeit sprachlicher Identität. In nur wenigen Zeilen dekonstruiert er das Verhältnis von Subjekt und Objekt, zeigt die Brüchigkeit von Kommunikation und verweist auf die Unmöglichkeit, sich durch Sprache stabil zu verorten.
Herr Schmitt?
Ja?
Sind Sie es?
Es? Welches Es? Ich bin kein Es!
Oh, dann sind Sie es also nicht?
Habe ich gerade gesagt! Ich bin kein Es!
Das gibt mir jetzt zu denken. Ich war mir recht sicher, dass Sie es sind.
Sie gehören wohl zu der Sorte Mensch, denen es schwerfällt, Dinge zu akzeptieren, die nicht in ihr Weltbild passen. Also, zum letzten Mal, ich bin kein Es!
Mmh, wer sind Sie dann?
Ich oder Du, je nachdem.
Du? Mir wäre es lieber, wenn wir beim Sie bleiben würden.
Ihnen wäre Es lieber? Können Sie nicht woanders nach einem Es suchen? Ich bin jedenfalls kein Es! So langsam wird die Sache doch etwas anstrengend.
Sie sagen es!
Ich sage Es? Sie sagen doch ständig Es! Wie kommen Sie dazu, zu behaupten, ich würde Es sagen?
Ich gebe es auf!
Sehr gut! Demnach besteht doch noch Hoffnung für Sie! Das Es aufgeben! So ist Es recht! Der Anfang ist schwierig. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Doch Sie schaffen das. So wie ich das geschafft habe. Sie sind damit auf einem guten Weg. Ach, übrigens, ich bin Herr Schmitt.
Ich wusste es!
Sie sind ein hoffnungsloser Fall!
Analyse
Einleitung: Zwischen Subjekt, Objekt und Sprache
Der Text „Ich – Du – Es“ ist eine dialogische Miniatur über Identität, Sprache und die Rolle des Anderen. In einem scheinbar harmlosen Gespräch entfaltet sich ein philosophisches Spiel um Pronomen und Perspektiven, das tief in die Struktur des Selbstverständnisses eingreift. Der Text lässt sich sowohl als Parodie auf bürokratische Kommunikation lesen als auch als subtiles Denkstück über das Verhältnis von Ich, Du und Es – Begriffe, die nicht zufällig stark an Martin Bubers dialogische Philosophie erinnern.
1. Das Es als Objekt – und Projektionsfläche
„Ich bin kein Es!“
Die wiederholte Zurückweisung, ein „Es“ zu sein, ist der erste entscheidende Moment im Text. Im Alltagssinn bezeichnet „Es“ eine Sache oder ein Objekt, dem keine Subjektivität zugesprochen wird. Philosophisch verweist das Es auf Entfremdung und Objektivierung: Wenn ein Mensch als „Es“ behandelt wird, verliert er seine Individualität – wird reduziert auf ein Ding, auf eine Funktion.
Diese Degradierung ist zentraler Kritikpunkt in Bubers „Ich und Du“ (1923), wo das „Ich-Es“-Verhältnis ein Verhältnis der Distanz, der Funktionalisierung, des Nutzens beschreibt – im Gegensatz zum „Ich-Du“, das auf Beziehung, Anerkennung und Gegenwärtigkeit beruht. In diesem Sinne wehrt sich „Herr Schmitt“ gegen seine Verdinglichung und fordert ein dialogisches Gegenüber.
2. Identitätsverwirrung als Strategie
„Ich oder Du, je nachdem.“
Herr Schmitts Antwort ist mehrdeutig: Er behauptet, sowohl „Ich“ als auch „Du“ zu sein – „je nachdem“. Das ist keine bloße Provokation, sondern Ausdruck einer relationalen Identität. Im Gespräch ist man nicht einfach ein fixes Selbst, sondern wird – wie in der Sprachphilosophie von Ludwig Wittgenstein – durch das Sprachspiel und die soziale Situation konstituiert. Das Subjekt ist kein isoliertes Ich, sondern entsteht im Zwischenraum – also zwischen den Pronomen.
Auch der scheinbar paradoxe Umgang mit dem Begriff „Es“ verweist auf die Instabilität von Sprache. Sobald jemand „Es“ sagt, kann nicht mehr klar sein, worauf sich dieses „Es“ bezieht – und ob nicht schon das Sprechen über das „Es“ das „Es“ erschafft.
3. Sprachspiele und Kommunikationsversagen
„Sie sagen es!“ – „Ich sage Es?“
In diesem kurzen Schlagabtausch kulminiert das Missverständnis: Der Begriff „es“ wird nicht mehr referentiell, sondern metasprachlich behandelt – also als Wort, nicht als Bedeutung. Was vorher nur ein Satzteil war, wird nun zum Inhalt des Gesprächs selbst. Damit erinnert der Text stark an sprachkritische Literatur wie bei Beckett oder Kafka, wo Sprache nicht mehr Mittel der Aufklärung, sondern der Verwirrung ist.
Die Sprachverwirrung führt in eine Art absurden Zirkel, in dem Identität, Wahrheit und Verständigung kollabieren. Es ist fast wie eine absurde Szene bei Ionesco oder Thomas Bernhard – voller sprachlicher Wiederholung, Ironie und demotivierter Logik.
4. Das Es aufgeben – als philosophischer Befreiungsakt?
„Das Es aufgeben! So ist Es recht!“
Hier verwandelt sich der Dialog in eine fast spirituelle Selbsthilfe-Szene. Der Begriff „Es“ wird zum Symbol für etwas, das man „aufgeben“ muss – vielleicht das Ego, vielleicht die Fremdbestimmung, vielleicht die Objektposition. Das erinnert stark an Sigmund Freuds Strukturmodell der Psyche, in dem das „Es“ die unbewussten Triebe und Wünsche repräsentiert – also das, was man zivilisieren, sublimieren oder kontrollieren muss.
Herr Schmitt erscheint nun wie ein therapeutischer Berater, der seinem Gegenüber den Weg zu sich selbst weisen möchte – indem dieser sich vom „Es“ befreit. Ironischerweise führt dieser Weg aber nicht zu Klarheit, sondern zurück zur ursprünglichen Verwirrung: Wer ist hier eigentlich wer?
5. Der Zusammenbruch der Kommunikation – als Pointe
„Ich wusste es!“ – „Sie sind ein hoffnungsloser Fall!“
Das Gespräch endet in einer endgültigen Absurdität: Der Versuch, Identität durch Sprache zu klären, scheitert an der Sprache selbst. Der letzte Satz ist eine doppelte Selbstverneinung des Gesprächs – sowohl die Hoffnung auf Erkenntnis als auch auf Anerkennung ist gescheitert. Damit knüpft der Text an poststrukturalistische Kritik an Subjektivität und Sprache an, etwa bei Jacques Derrida, wo Identität nie stabil, sondern immer im Spiel der Zeichen zirkuliert.
Fazit: Identität im Spiegel der Sprache
„Ich – Du – Es“ ist ein minimalistischer, aber hochkonzentrierter Text über die Fragwürdigkeit sprachlicher Identität. In nur wenigen Zeilen dekonstruiert er das Verhältnis von Subjekt und Objekt, zeigt die Brüchigkeit von Kommunikation und verweist auf die Unmöglichkeit, sich durch Sprache stabil zu verorten.
Was wie ein humorvoller Dialog beginnt, entwickelt sich zur radikalen Infragestellung des Selbst. Das Ich ist nicht fest – es ist relational, kontextabhängig, durch Sprache geprägt und damit letztlich immer auch ein bisschen „Es“. Herr Schmitt ist kein Es – und vielleicht genau deshalb: weil er sich bewusst ist, dass Identität nicht einfach gegeben, sondern immer zu verhandeln ist.
Weiterführende Literatur:
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Martin Buber – Ich und Du (1923) – zum dialogischen Prinzip menschlicher Existenz
-
Ludwig Wittgenstein – Philosophische Untersuchungen – zur Sprachspiel-Theorie
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Sigmund Freud – Das Ich und das Es (1923) – zur Struktur der Psyche
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Jacques Derrida – Grammatologie – zur Dekonstruktion sprachlicher Bedeutung
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Samuel Beckett – Warten auf Godot – zur Sprachverwirrung als Lebensmetapher
