Kein Text, der erklärt – er vollzieht. Er spielt sich durch das Staunen hindurch und stellt dabei die Frage, wie wir mit unserer eigenen Verwunderung umgehen. Ist sie peinlich? Kindlich? Gefährlich? Oder die vielleicht einzig angemessene Reaktion auf eine Welt, die uns immer wieder entgleitet?
Ich staune...
Da hilft nur der Staunsauger!
Staunsauger? Du meinst Staubsauger!
Was hat denn ein Staubsauger mit Staunen zu tun?
Nichts.
Siehst du! Bei zu viel Staunerei brauchst du den Staunsauger.
Kann man denn zu viel Staunen?
Offensichtlich, sonst gäbe es ja keine Staunsauger.
Da ist was dran. Besitzt du eines dieser Geräte?
Nö. Wozu auch? Ich staune eigentlich nie.
Erstaunlich.
Was?
Dass du nie staunst, finde ich erstaunlich.
Ich dagegen finde es überhaupt nicht erstaunlich, dass du so viel staunst. Im Gegenteil. Ich finde das höchst unerstaunlich. Gibt es dafür eigentlich ein anderes Wort? Das würde mich nicht erstaunen.
Das Gegenteil von erstaunlich? Sollte es geben. Wenn nicht, dann wäre ich mehr als erstaunt.
So viel wie du staunst, solltest du das vielleicht beruflich machen?
Von Beruf Stauner. Gefällt mir. Macht irgendwie Sinn. Guter Hinweis. Professioneller Stauner. Und worüber man alles Staunen könnte!
Sogar über das Staunen selbst.
Stimmt! Ich danke dir. Das eröffnet völlig neue Horizonte. Staunhorizonte. Oder sogar ganze Staunwelten!
Alles klar. Ich muss los. Ein fröhliches Staunen!
Danke.
Analyse
Der Text „Erstaunlich“ spielt auf humorvolle Weise mit einem scheinbar kindlichen Gefühl: dem Staunen. Doch hinter der locker-ironischen Dialogform verbirgt sich eine philosophisch tiefgründige Reflexion über ein zentrales Phänomen des Denkens – das Staunen als Ursprung der Philosophie. In seiner verspielt absurden Art erinnert der Text an sokratische Dialoge, die durch banale Fragen tiefgründige Einsichten zutage fördern, sowie an Wittgensteins Sprachspiele, in denen der Sinn eines Begriffs erst im Gebrauch deutlich wird.
1. Das Staunen als Anfang des Denkens
Die Philosophie beginnt – so behauptet es Platon im Theaitetos – mit dem Staunen (thaumazein). Staunen markiert den Moment, in dem das Alltägliche seine Selbstverständlichkeit verliert, in dem eine Irritation entsteht, die uns zwingt, Fragen zu stellen. In diesem Sinne ist das Staunen kein bloßes Gefühl, sondern ein kognitiver Einschnitt: ein Übergang vom bloßen Erleben zur Reflexion.
Im Text heißt es:
„Sogar über das Staunen selbst.“
Hier wird diese Idee radikalisiert – das Staunen wird nicht nur als Reaktion auf etwas Erstaunliches verstanden, sondern selbst zum Objekt des Staunens. Diese meta-phänomenologische Wendung bringt das Staunen in den Raum der Selbstreferenz, ähnlich wie es Maurice Merleau-Ponty in seiner Phänomenologie des Wahrnehmens beschreibt: dass unser Verhältnis zur Welt bereits durch unsere leibliche In-der-Welt-Sein-Struktur staunenswert ist, wenn wir innehalten.
2. Der Staunsauger – Ironie als philosophische Methode
„Da hilft nur der Staunsauger!“
Die Einführung des fiktiven „Staunsaugers“ ist ein klassischer Fall von absurdem Humor mit erkenntnistheoretischem Subtext. Der „Staunsauger“ ist eine parodistische Erfindung, die eine Lösung für ein „Problem“ bietet, das es philosophisch gar nicht geben sollte: zu viel Staunen. Damit wird das Staunen als potenziell störende, zu zähmende Kraft dargestellt – eine Haltung, die sich ironisch gegen allzu nüchterne Rationalitätsansprüche richtet.
Diese Idee erinnert an Nietzsches Kritik der Aufklärung, in der das Staunen durch „Systeme“ und „Apparate“ ausgetrieben werde. Die Figur des Staunsaugers könnte also als satirisches Bild für die Bürokratisierung des Geistes gelesen werden – für eine Welt, in der Spontaneität, Überraschung und existenzielle Offenheit als Betriebsstörungen erscheinen.
3. Staunen als Beruf – Von der Haltung zur Profession
„So viel wie du staunst, solltest du das vielleicht beruflich machen?“
Hier wird der Gedanke weitergesponnen: Das Staunen wird nicht nur als kindliche Regung oder philosophischer Anfang gesehen, sondern als lebenslange Aufgabe – ja, sogar als Beruf. Der „professionelle Stauner“ ist eine absurde Figur, aber auch eine existenzielle. Man denke an Søren Kierkegaards Figur des „ästhetischen Lebenskünstlers“, der in jedem Moment die Welt wie neu sieht.
Der Vorschlag, Staunen zum Beruf zu machen, ist eine Kritik an modernen Funktionszuschreibungen: Nicht alles muss einen Nutzen haben. Man kann – ja man soll – staunen um des Staunens willen. Das erinnert an die Haltung des „flâneur“ bei Walter Benjamin, der durch die Stadt streift und sich durch nichts als seine Wahrnehmung leiten lässt – ein Stauner des Urbanen.
4. Sprachlogische Paradoxien – Gibt es ein Gegenteil von erstaunlich?
„Das Gegenteil von erstaunlich? Sollte es geben. Wenn nicht, dann wäre ich mehr als erstaunt.“
In dieser Wendung spiegelt sich ein typisch wittgensteinianisches Problem: Was macht ein Wort zu einem sinnvollen Begriff? Ist „erstaunlich“ nur erstaunlich, wenn es auch ein Gegenteil gibt – etwa „gewöhnlich“, „banal“ oder „ermüdend“? Doch das eigentliche Paradox liegt darin, dass das Fehlen des Gegenteils wiederum erstaunlich wäre – ein sprachliches Möbiusband.
Der Text zeigt: Sprache strukturiert unsere Welt nicht neutral, sondern wirft uns selbst in Schleifen zurück. Und genau diese Schleifen sind es, in denen das Staunen neu aufblüht – nicht als Erkenntnisziel, sondern als permanente Dynamik des Fragens.
5. Die Ironie des Alltäglichen: Vom Kleinen ins Große
„Ein fröhliches Staunen!“
So endet der Text – mit einer fast kindlichen Geste. Doch das ist kein Zufall. Das Staunen wird hier nicht heroisiert, sondern in den Alltag geholt, entdramatisiert – und damit überhaupt erst lebbar. Der Text lehnt sich damit an die Praxis eines philosophischen Minimalismus an, wie ihn etwa Ludwig Wittgenstein oder Pierre Hadot vertreten: Philosophie als Lebenshaltung, nicht als abstrakte Theoriebildung.
Fazit: Staunen als Widerstand gegen Verflachung
„Erstaunlich“ ist kein Text, der erklärt – er vollzieht. Er spielt sich durch das Staunen hindurch und stellt dabei die Frage, wie wir mit unserer eigenen Verwunderung umgehen. Ist sie peinlich? Kindlich? Gefährlich? Oder die vielleicht einzig angemessene Reaktion auf eine Welt, die uns immer wieder entgleitet?
In einer Zeit, in der Information überflutet und Reizüberflutung zur Norm wird, wirkt das Staunen wie ein Akt des Widerstands: gegen Abgeklärtheit, gegen Funktionalisierung, gegen geistige Müdigkeit. Der Text schlägt vor: Staunen ist nicht der Anfang des Denkens – es ist seine Erfüllung.
Weiterführende Verweise:
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Platon, Theaitetos – „Das Staunen ist der Anfang der Philosophie.“
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Aristoteles, Metaphysik I, 2 – Staunen als Ursprung der Weisheit
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Immanuel Kant – Kritik der Urteilskraft – Erhabenes und Verwunderung
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Søren Kierkegaard – Staunen und Ironie in der Existenzanalyse
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Maurice Merleau-Ponty – Phänomenologie des Staunens in der Wahrnehmung
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Ludwig Wittgenstein – Philosophische Untersuchungen – Sprachspiele als Auflösung semantischer Rätsel
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Gilles Deleuze – Das Staunen in der Wiederholung und Differenz
