Ein poetischer, ironisch gebrochener Text über die Fragwürdigkeit von Kausalität, die Grenzen der Logik und die Eigenmächtigkeit von Systemen. Ein Beitrag zur radikalen Konstruktivismus-Debatte, zur Sprachkritik (Wittgenstein), zur Systemtheorie (Luhmann, Foerster), aber auch zur poststrukturalistischen Dekonstruktion (Derrida).
Sehr geehrte Zuhörer!
Nach einigen Ausflügen in eher technische Gefilde, und diese waren tatsächlich sogenannte Ausflüge, keine Ausflüchte, denn niemand ist hier auf der Flucht, aber es ist auch niemand geflogen, also waren es nicht wirklich Ausflüge, denn alles erfolgte zu Fuß, sogar zu beiden Füßen, daher waren es eher Ausgänge. Nach diesen Ausgängen in eher technische Gefilde wird es wieder einmal Zeit für ein weniger technisches Thema. Die bisherigen Vorträge, oder vielmehr die Erinnerung an diese, ist mittlerweile ausreichend verblasst, sodass deren Einfluss auf den nun folgenden, bereits im Entstehen begriffenen Vortrag, genügend gering sein sollte. Genügend? Man darf sich keinesfalls täuschen lassen. Denn auch wenn es sich beim Gering dem Namen nach nicht um wirklich viel handeln kann, so sagt das doch nichts zu einer eventuellen Wirkung aus. Daher ist gar nicht so sehr die Geringheit des Gerings ausschlaggebend, sondern vielmehr der Grad des Eingebundenseins in dasjenige, auf das eine mögliche Wirkung erwartet werden kann. Wenn demnach das Gering, mit welchem Grad an Geringheit auch immer, überhaupt nicht existent ist für das Andere, so wollen wir es der Einfachheit halber nennen, dann gibt es nicht die geringste Chance auf irgendeinen Einfluss. Nach all diesen vorbereitenden Zeilen kommt es jetzt zum Eigentlichen. Und das geht so. Wegen des Geschwafels von einer möglichen Wirkung des Gerings auf das Andere, sieht man das Gering vermutlich instinktiv als eine Art Ursache an, die irgendetwas bewirken könnte. Wer hier ein ungutes Gefühl hat, vielleicht sogar ein unangenehmes Stechen in einer beliebigen Körperregion verspürt, dem sei gesagt, dass der Grund dafür, keinesfalls die Ursache, in einer Logik liegt, für die die bekannten Wertlogiken nicht mehr sind als nur Spezialfälle. Erstens stellt sich die Frage, wie das Gering das eigentlich tun soll, nämlich die Kontaktaufnahme mit dem Anderen? Ist es so ein kleines Stör, das durch die Gegend fliegt und dabei allerlei Unheil stiftet, wissentlich oder unwissentlich, oder einfach weil es gar nicht anders kann, egal ob wissentlich oder unwissentlich? Wer hat sich das Gering denn wirklich als ein kleines Stör vorgestellt? Mit dieser Option besteht selbstverständlich die Möglichkeit, dass das kleine Stör, als spezielle Form des Gerings, das große und träge Andere einfach ein bisschen stört und dieses Andere dadurch zu einer Reaktion nötigt. Kann man so sehen. Stellt man sich dagegen das Gering nicht als Stör vor, sondern vielleicht eher als kleines, lebloses Etwas, dann wird vermutlich nicht viel passieren. Eventuell wird das Gering in seiner inaktiven Geringheit einfach vom großen und mächtigen Anderen überrollt werden, ohne dass dieses Notiz davon nimmt, oder dieser Kontakt irgendeine Änderung beim Anderen bewirkt. Nicht die beste Art der Kommunikation, weil gar keine. Doch selbst mit der Vorstellung vom Gering als kleinem Stör, sind wir immer noch gefangen in einer Ursache-Wirkung-Vorstellungswelt, auch wenn das unangenehme Stechen etwas weniger geworden sein mag. An dieser Stelle wird das ganze Thema etwas langweilig, daher schnell zu dessen Abschluss. Das Gering und das Andere spielen ihre Spielchen. Alsbald hat jeder eine Handlungsstrategie erlernt betreffend seines Umgangs mit dem Gegenüber, und die eingespielten Handlungsabläufe machen es für einen Außenstehenden möglich, die beiden Spieler als eine Gesamtheit zu betrachten, als eine Einheit, die nach bestimmten, erlernten Regeln agiert. Spätestens hier kommt der klassische Logiker wieder zum Einsatz, der allen alles ganz genau erklären kann. Nämlich, dass wenn das Gering dieses tut, dass dann das Andere jenes tut und umgekehrt. Und dass selbstverständlich alles mittels Ursache und Wirkung beschreibbar ist. Wir nicken zustimmend. Wie immer an dieser Stelle. Denn es ist doch immer wieder schön, wenn Fragen beantwortet werden, die niemand gestellt hat. Doch was soll's. Auch nach diesem Vortrag hier hat niemand gefragt. Nicht nach einem Gering und schon gar nicht nach einem Stör. Und doch ist alles da, einfach so und ohne jegliche Ursache. Das Einzige, was uns jetzt noch bleibt, ist der Gang zum Aus, eine beidfüßige Ausflucht, die vielleicht auch ein Ausflug werden könnte, nämlich ein Ausflug in die Nacht. Gute!
Analyse
Einleitung
Der Text „Ungestört“ ist ein verspielter, hochreflexiver Monolog, der mit philosophischen Kategorien jongliert und sich dabei einem klaren erkenntnistheoretischen Zugriff entzieht. Was scheinbar harmlos mit Wortspielen über „Ausgänge“ und „Ausflüchte“ beginnt, entwickelt sich zu einer sprachlogischen Meditation über Kausalität, Störung, Logik und die Rolle des Beobachters – eingebettet in einen sarkastischen Tonfall, der die eigene Relevanz infrage stellt.
Zentrale Figuren des Textes sind zwei abstrakte Größen: das Geringe (oder „Gering“) und das Andere. Diese dienen als Projektionsflächen für Fragen nach Wirkung, Einfluss, Kommunikation und Systembildung. Der Text verweigert sich jedoch einer eindeutigen Deutung und unterwandert mit seiner Ironie jede klare Zuschreibung. Genau darin liegt seine philosophische Stärke.
1. Sprachkritik und ironische Dekonstruktion
Schon der Einstieg zeigt eine kritische Auseinandersetzung mit Sprache als Medium philosophischer Reflexion. Der Text ironisiert die eigene „Technizität“ und verzichtet bewusst auf Präzision, um die Konstruiertheit des Diskurses offenzulegen:
„…diese waren tatsächlich sogenannte Ausflüge, keine Ausflüchte, denn niemand ist hier auf der Flucht, aber es ist auch niemand geflogen…“
Diese Passage ist ein meta-linguistisches Spiel. Sie verweist auf Ludwig Wittgensteins Sprachspieltheorie: Die Bedeutung eines Ausdrucks ergibt sich aus seinem Gebrauch in einem bestimmten Kontext. Indem der Text diesen Gebrauch parodiert, macht er deutlich, dass auch philosophische Konzepte oft nur „semantische Konstrukte“ sind – keine absoluten Wahrheiten.
2. Das Geringe: Ursache oder Illusion?
Im Zentrum steht das Verhältnis zwischen dem Geringen und dem Anderen. Das Geringe wird zunächst als mögliche Ursache einer Veränderung diskutiert, dann aber als vielleicht bloßes Symptom oder gar Illusion entlarvt:
„Denn auch wenn es sich beim Gering dem Namen nach nicht um wirklich viel handeln kann, so sagt das doch nichts zu einer eventuellen Wirkung aus.“
Damit wird die klassische kausale Logik infrage gestellt. Die zentrale Frage lautet: Kann etwas Kleines überhaupt eine Wirkung entfalten – und wenn ja, wie? Diese Fragestellung erinnert an die Diskussion in der Systemtheorie (Niklas Luhmann), wo nicht die Größe, sondern die Relevanz innerhalb eines Systems entscheidend ist. Das Geringe kann nur dann Einfluss nehmen, wenn es für das Andere strukturell gekoppelt ist.
3. Das Geringe als Störfall oder lebloses Etwas
Zwei alternative Metaphern für das Geringe werden angeboten:
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als „kleines Stör“, das das träge Andere stört und zu einer Reaktion provoziert,
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oder als „lebloses Etwas“, das ohne Wirkung überrollt wird.
Die erste Variante folgt der Kybernetik: Kleine Eingaben (Störungen) können in komplexen Systemen große Wirkungen entfalten (Stichwort: Schmetterlingseffekt). Die zweite verweist auf das Scheitern von Kommunikation – die systemische Blindheit des Anderen gegenüber dem Geringen.
Hier lässt sich Jacques Derridas Dekonstruktion von Präsenz und Wirkung ins Spiel bringen: Die Wirkung ist nicht zwingend an eine klare Ursache gebunden – sie kann „geschehen“, ohne intentional vermittelt zu sein.
4. Kritik an klassischer Logik
Schließlich wird die klassische Logik als unzulängliches Deutungsinstrument bloßgestellt. Zwar kann sie im Nachhinein beschreiben, was passiert ist – mit „wenn-dann“-Aussagen –, aber sie liefert keine Erklärung für das Entstehen des Spiels selbst:
„…dass wenn das Gering dieses tut, dass dann das Andere jenes tut…“
„…Fragen beantwortet werden, die niemand gestellt hat.“
Hier zeigt sich eine tiefgreifende Kritik an deterministischer Rationalität. Der Text schlägt stattdessen eine Sichtweise vor, in der das Verhältnis von Ursache und Wirkung nur als produktives Spiel begriffen werden kann – ein rekursiver Lernprozess, in dem Strukturen emergieren, anstatt geplant zu werden.
Diese Sichtweise steht dem Denken von Heinz von Foerster nahe, insbesondere seiner Idee des „nicht-trivialen Maschinenverhaltens“: Systeme mit Rückkopplung können nicht vollständig durch externe Logik kontrolliert oder erklärt werden.
5. Das Ende: Auflösung ohne Auflösung
Der Text schließt nicht mit einer Erkenntnis, sondern mit einem paradoxen Gang ins Aus – einem zweifüßigen, also bewusst durchgeführten, aber sinnentleerten Abschied:
„Und doch ist alles da, einfach so und ohne jegliche Ursache.“
Diese nihilistische Pointe stellt alle vorangehenden Überlegungen infrage. Der Vortrag war – wie der Text selbst – nicht verlangt, nicht notwendig, und trotzdem realisiert. Damit verweist der Text auf die grundsätzliche Kontingenz des Denkens: Es geschieht – nicht weil es muss, sondern weil es kann.
Fazit: Zwischen Sprachspiel und Systemspiel
„Ungestört“ ist ein poetischer, ironisch gebrochener Text über die Fragwürdigkeit von Kausalität, die Grenzen der Logik und die Eigenmächtigkeit von Systemen. In der Auseinandersetzung mit dem „Geringen“ und dem „Anderen“ entstehen Denkfiguren, die mit klassischen Denkmodellen brechen:
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Ursache und Wirkung werden nicht als fixe Ketten verstanden, sondern als Spielprozesse,
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das Beobachtete ist stets relativ zur Perspektive des Beobachters,
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und selbst Bedeutung entsteht nicht aus Absicht, sondern aus Relation und Wiederholung.
Der Text ist damit ein Beitrag zur radikalen Konstruktivismus-Debatte, zur Sprachkritik (Wittgenstein), zur Systemtheorie (Luhmann, Foerster), aber auch zur poststrukturalistischen Dekonstruktion (Derrida). Seine Stärke liegt weniger in der Antwort, sondern im Scharfmachen der Wahrnehmung für Denkgewohnheiten und deren Unterwanderung.
Verweise und Theoriekontext
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Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen – Sprachspiele und Gebrauch
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Niklas Luhmann: Soziale Systeme – Strukturelle Kopplung und systemische Kommunikation
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Heinz von Foerster: Wahrnehmung der Wahrnehmung – Nicht-triviale Maschinen
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Jacques Derrida: Grammatologie – Dekonstruktion von Präsenz und Kausalität
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Edgar Morin: La Méthode – Komplexität statt linearer Ursache-Wirkungsketten
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Gregory Bateson: Ökologie des Geistes – Zirkularität in Kommunikationssystemen
