Unding

Ein essayistisch-dialogischer Versuch, mit ontologischen Grundbegriffen aufzubrechen, nicht sie zu definieren. Der Text verweigert sich eindeutigen Bestimmungen – weder Substanz, noch Gesetz, noch Unregelmäßigkeit wird als Lösung präsentiert. Stattdessen lädt er zur wachsamen Haltung gegenüber dem Denk-Alltäglichen ein, zur Aufrechterhaltung der Möglichkeit des Anderen.

Heute machen wir einen kleinen Ausflug.

 

Wohin?

 

Zu den Substanzen.

 

Substanzen? Es gibt mehr als eine?

 

Was hast du denn gedacht? Bist du neu hier?

 

Ich habe gedacht, dass es nur eine gibt. Die Grundsubstanz. Und ich bin eigentlich schon immer hier.

 

Grundsubstanz? Klingt ja widerlich. Wo hast du das denn her?

 

Jetzt wo Sie es sagen, kommt es mir auch merkwürdig vor. Bis eben fand ich es noch plausibel, doch jetzt weiß ich nicht mehr warum.

 

Wer bringt euch so einen Unsinn bei? Grundsubstanz. Und überhaupt, wer gut aufgepasst hat, weiß natürlich, dass wir keineswegs zu irgendwelchen Substanzen gehen werden. Was soll das überhaupt sein, Substanzen? Ihr wisst doch noch, was ihr richtigerweise dazu sagen sollt?

 

Regelmäßigkeiten?

 

Richtig! Regelmäßigkeiten. Und warum nennen wir sie so? Weil sie gemäß den Regeln ablaufen? Natürlich nicht! Wir nennen sie so, weil wir sie abstrakt beschreiben können. Stichwort: Wiederholbarkeit. Manche nennt man sogar Gesetze. Das interessiert die Regelmäßigkeiten kein bisschen. Und was ist mit den Unregelmäßigkeiten? Was weißt du darüber?

 

Die machen so... probieren so rum, gegenseitig... vielleicht wird mal eine Regelmäßigkeit daraus, falls die sich irgendwann geeinigt haben werden? Und da gehen keine Gesetze? 

 

Akzeptiert. Bei dir scheint noch ein klein wenig Hoffnung zu bestehen. Du scheinst noch eine genügend große Anzahl an Unregelmäßigkeiten in dir zu haben. Für die anderen sehe ich schwarz, die scheinen schon zu sehr in ihren Regelmäßigkeiten festgefahren zu sein. Dingel-Ding-Ding...

Analyse

 

1. Einleitung: Ein Ausflug ins Nicht-Seiende

Der Text „Unding“ ist ein weiterer Beitrag, der sich wie ein didaktisch-irritierendes Zwiegespräch entfaltet. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein spielerischer Dialog zwischen einem naiven Fragenden und einer überlegenen, fast zynischen Stimme der Autorität. Auf den zweiten Blick jedoch entpuppt sich dieser Text als philosophische Dekonstruktion eines metaphysischen Grundbegriffs – der Substanz – und eine scharfe Reflexion über unsere Art, Ordnung, Gesetz und Welt zu denken.

Dabei geht es weniger um Antworten als um eine Desorientierung im besten sokratischen Sinne. Der Text dekonstruiert nicht nur den Begriff der Substanz, sondern führt uns an die Grenzen von Begrifflichkeit selbst: Was sind Dinge? Was macht sie aus? Und was bleibt, wenn man das Denken an Dingen vorbeiführt?

 

2. Die Substanz als Mythos: Angriff auf ein klassisches Konzept

Der Text beginnt mit einem scheinbar simplen Vorhaben:

„Heute machen wir einen kleinen Ausflug.“ – „Wohin?“ – „Zu den Substanzen.“

Hier wird eine klassische ontologische Vorstellung aufgerufen – Substanz als das, was „unter“ allem liegt. In der Philosophiegeschichte steht „Substanz“ für das, was den Wandel überdauert, den Dingen ihre Identität gibt. Von Aristoteles bis Spinoza wurde Substanz als das Fundament gedacht – sei es stofflich (Materie) oder geistig (Gott, Denken, Sein).

Doch diese Vorstellung wird sofort infrage gestellt:

„Substanzen? Es gibt mehr als eine?“

„Grundsubstanz? Klingt ja widerlich.“

Diese Stellen entlarven die Metaphysik der Substanz als ideologisch, unreflektiert übernommen, fast naiv. Der Text verspottet geradezu die Idee, es gäbe eine einheitliche Grundsubstanz – eine Weltformel, ein „Sein unter allem“, das erklärt, warum die Dinge sind, wie sie sind. Das erinnert an die postmetaphysische Wende bei Heidegger, Derrida oder Deleuze, für die Substanz ein historisches Relikt ist – eine Fiktion der Philosophiegeschichte.

 

3. Von der Substanz zur Regelmäßigkeit: Physik statt Metaphysik?

Die vermeintliche Lösung des Problems ist im Text scheinbar schnell gefunden:

„Regelmäßigkeiten?“ – „Richtig! Und warum nennen wir sie so? Weil sie gemäß den Regeln ablaufen? Natürlich nicht!“

Hier wird ein neuer Begriff ins Spiel gebracht – Regelmäßigkeit, als Gegenbegriff zur „Substanz“. Dieser Wechsel verweist auf eine moderne, wissenschaftlich geprägte Weltsicht, in der das Sein nicht aus „Dingen“ besteht, sondern aus Bewegungen, Prozessen, Mustern, Wiederholungen. Dinge sind dann Stabilitätsphänomene, nicht fundamentale Einheiten.

Die Kritik liegt jedoch nicht allein in der Ablehnung der Substanz, sondern auch in der Verdinglichung der Regelmäßigkeit selbst: Auch sie wird entlarvt als eine menschenzentrierte Beschreibung, nicht als ontologische Wahrheit:

„Das interessiert die Regelmäßigkeiten kein bisschen.“

Dieser Satz erinnert an Kants Unterscheidung zwischen Ding an sich und Erscheinung – was wir als Regelmäßigkeit erleben, ist das Ergebnis unserer Strukturierung der Welt, nicht deren inneres Wesen. Auch Latour oder Karen Barad würden hier anschließen: Es gibt keine isolierten Substanzen oder festen Gesetze – nur Akteure, Relationen, Emergenzen.

 

4. Die Unregelmäßigkeit: Hoffnung der Ontologie

Doch was passiert mit dem „Unregelmäßigen“?

„Die machen so... probieren so rum, gegenseitig... vielleicht wird mal eine Regelmäßigkeit daraus […]“

In diesem Satz öffnet sich ein zentraler Gedanke: Unregelmäßigkeiten als Ort der Möglichkeit. Anders als die festgefahrene Ordnung der Regeln und Gesetze, steht das Unregelmäßige für Offenheit, Prozess, Kreativität, Werden. Hier schlägt der Text eine existentielle und fast künstlerische Perspektive vor: Wahrheit und Sein entstehen nicht aus dem Gegebenen, sondern aus dem Experimentellen, noch-nicht-Etablierten.

Das erinnert an Gilles Deleuze, der in Differenz und Wiederholung das Denken von der Wiederholung weg zur Differenz wendet – nicht das Wiedererkennbare sei Ursprung von Erkenntnis, sondern das Singuläre, Ereignishafte, Unregelmäßige.

 

5. Das Unding: Zwischen Dasein und Auflösung

Der Titel „Unding“ ist dabei doppeldeutig: Einerseits verweist er auf etwas, das nicht Ding ist – also jenseits klassischer Ontologie liegt. Andererseits bedeutet „Unding“ im Alltag etwas, das unerhört, nicht akzeptabel, widersinnig ist. Der Text spielt mit dieser Ambivalenz: Das Unding ist Störung der Ordnung, aber gerade dadurch Hinweis auf das, was möglich ist.

Der Schlusssatz – „Dingel-Ding-Ding...“ – ist bewusst infantil, fast verspottend. Er karikiert die Neigung, komplexe Fragen mit trivialisierenden Schlagwörtern zu beantworten. Es ist ein Aufruf zur kindlichen Neugier im Denken, nicht zur beruhigenden Ordnung.

 

6. Fazit: Denken im Zwischenraum

„Unding“ ist ein essayistisch-dialogischer Versuch, mit ontologischen Grundbegriffen aufzubrechen, nicht sie zu definieren. Der Text verweigert sich eindeutigen Bestimmungen – weder Substanz, noch Gesetz, noch Unregelmäßigkeit wird als Lösung präsentiert. Stattdessen lädt er zur wachsamen Haltung gegenüber dem Denk-Alltäglichen ein, zur Aufrechterhaltung der Möglichkeit des Anderen.

In der Tradition von Wittgenstein, Heidegger oder Sloterdijk betont er: Es gibt kein Letztes, kein Fundamentales. Alles, was wir wissen, sind Erzählungen, Modelle, Sprechakte – keine Dinge.

 

Weiterführende Literatur und philosophische Bezüge

  • Martin Heidegger: Was ist Metaphysik? – zum Umgang mit dem Nichts und dem metaphysischen Grund

  • Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung – zur ontologischen Priorität der Differenz gegenüber der Substanz

  • Karen Barad: Meeting the Universe Halfway – zur Ontologie der Phänomene und der Unmöglichkeit fixer Substanzen

  • Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen – zum Verhältnis von Sprache, Regel und Bedeutung

  • Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen – zur Kritik der großen Erzählungen und regelhaften Systeme