Dies und das...

Ein Spiel mit den Grundbegriffen der Philosophie – aber ein ernsthaftes. Es zeigt, dass die Sprache selbst zu einem Medium wird, in dem die Unmöglichkeit begrifflicher Klarheit offen sichtbar wird. Das Einzige bleibt ein Prinzip, ein Bezugspunkt, an dem sich das Denken immer wieder entzündet, ohne ihn je greifen zu können. Komplexität, Identität, Einheit und Andersheit bleiben nicht eindeutig zu trennen – sie verweisen wechselseitig aufeinander.

Das Eine, das Einzelne, das Einzige, das Einheitliche, das Andere und das Allgemeine.

 

Das Gleiche, das Identische und die Vielheit.

 

Das Einzige des Einzelnen als Einheit höherer Komplexität ist identisch mit der Vielheit und Andersheit seiner Einzelnen geringerer Komplexität und deren Verhalten.

 

Das eine Eine und das andere Eine und deren Verhalten führen zum Einen höherer Komplexität.

 

Das eine Eine und das andere Eine mögen sich gleichen, doch gibt es keine Identität.

 

Und das Einzige?

 

Es gibt kein einziges Einziges als eines oder anderes Einzelnes oder als Allgemeines, und auch kein eines oder anderes Verhalten des einen oder anderen Einzelnen oder eines Allgemeinen.

 

Es gibt das Einzige nur als Prinzip, wie oben beschrieben.

 

Und was ist mit der Kompliziertheit?

 

Die gibt es erst nach der Reduktion der Einzelnen auf das Eine, nämlich das Sein incl. Logik und Antinomien.

Analyse

Der Text „Dies und das…“ eine dichte, beinahe formalistische Meditation über zentrale philosophische Kategorien: Einheit, Vielheit, Identität, Andersheit – und insbesondere: das Einzige. In einer bewusst stilisierten Sprache und scheinbar tautologischen Struktur durchmisst der Text die Möglichkeiten der Begriffsklärung durch Begriffsspannung. Dabei entstehen nicht etwa eindeutige Definitionen, sondern Verschiebungen im Denkraum, die klassische metaphysische Gegensätze wie Eins und Viel, Gleich und Verschieden, Einheit und Kompliziertheit neu anordnen.

Der Text steht damit in einer Tradition, die von Parmenides, über Plato, Hegel und Deleuze bis zu systemtheoretischen und strukturalistischen Ansätzen reicht. Er operiert mit der Sprache selbst als Erkenntnisinstrument und fordert das Denken heraus, nicht auf die Dinge, sondern auf die Begriffsverhältnisse zwischen den Dingen zu blicken.

 

1. Das Eine, das Andere – Die klassische Opposition

„Das Eine, das Einzelne, das Einzige, das Einheitliche, das Andere und das Allgemeine.“

Bereits der erste Satz bringt eine ganze ontologische Grundstruktur ins Spiel: Das Eine als Ursprungsidee (Platon), das Einzelne als empirisches Phänomen, das Einzige als Grenzfall, das Einheitliche als Ordnungsprinzip – kontrastiert durch das Andere und das Allgemeine. Hier wird die klassische Metaphysik des Einen angedeutet, wie sie etwa Plotin vertritt: Das Eine als überseiendes Prinzip, aus dem Vielheit durch Emanation hervorgeht.

Zugleich wird das Schema gestört durch das Auftauchen des „Einzigen“ – ein Begriff, der nicht einfach nur das Eine meint, sondern eine exklusive Bestimmtheit, die sich weder auf Allgemeines noch auf Einzelnes reduzieren lässt. Das verweist auf Max Stirners Konzept des „Einzigen“ (Der Einzige und sein Eigentum, 1844), in dem das Einzige als radikal individuelles Subjekt jenseits aller Kategorien gedacht wird – etwas, das in keine logische Ordnung vollständig eingefasst werden kann.

 

2. Identität und Vielheit – Das Paradox des Gleichen

„Das Gleiche, das Identische und die Vielheit.“

In dieser Trias wird ein logisches Problem aufgeworfen: Gleiche Dinge sind nicht identisch. Identische Dinge sind nicht mehr zwei. Vielheit ist per definitionem Nicht-Identität. Das Ganze erinnert an Leibniz’ Prinzip der Ununterscheidbarkeit der Identischen, das besagt: Wenn zwei Dinge in allen Eigenschaften übereinstimmen, sind sie identisch – also ein und dasselbe.

Der Text zielt jedoch darauf ab, diesen Grundsatz zu unterwandern, indem er die Differenz zwischen Gleichheit und Identität betont: Zwei „eine“ Dinge können sich gleichen – ohne identisch zu sein. Damit wird das metaphysische Bedürfnis nach Eindeutigkeit subvertiert. Wir bewegen uns hier im Raum postmetaphysischer Ontologien, wie sie z. B. von Gilles Deleuze in Differenz und Wiederholung entwickelt wurden: Das Reale ist nicht das Identische, sondern das Differente.

 

3. Komplexität als emergente Einheit

„Das Einzige des Einzelnen als Einheit höherer Komplexität ist identisch mit der Vielheit und Andersheit seiner Einzelnen geringerer Komplexität und deren Verhalten.“

Diese Passage ist zentral: Sie beschreibt eine Art emergente Komplexität. Das Einzige ist nicht ein isoliertes Atom, sondern das Resultat eines Ordnungsprozesses, in dem sich aus einer Vielzahl einzelner Komponenten (und deren Verhalten) eine neue Einheit bildet. Das erinnert an Systemtheorie (Niklas Luhmann): Ein System (z. B. ein Bewusstsein, eine Gesellschaft, ein Organismus) ist nicht einfach die Summe seiner Teile, sondern eine emergente Ordnung, die durch die Interaktionen ihrer Komponenten entsteht.

Zugleich ist das Einzige in diesem Kontext nicht „ein Ding“, sondern eine funktionale Struktur: Es ist „identisch“ mit seinen Teilen, aber nicht reduzierbar auf sie. Diese dialektische Beziehung erinnert auch an Hegels Begriff der Totalität, in dem das Ganze das Einzelne durchdringt – und zugleich durch die Einzelheiten erst real wird.

 

4. Die Unmöglichkeit des Einzigen als empirisches Objekt

„Es gibt kein einziges Einziges als eines oder anderes Einzelnes oder als Allgemeines […] Es gibt das Einzige nur als Prinzip.“

Der Text negiert die Existenz eines empirisch erfassbaren „Einzigen“. Das Einzige ist keine ontologische Entität, sondern ein erkenntnistheoretisches Prinzip. Das bringt uns nahe an Kants transzendentale Philosophie, insbesondere an die Idee, dass bestimmte Begriffe (wie das „Ich“, das „Ding an sich“, das „Absolute“) notwendig gedacht werden müssen, obwohl sie nicht empirisch gegeben sind.

Das Einzige ist also eine kategoriale Konstruktion – vergleichbar dem Begriff „Gott“ in der negativen Theologie oder dem „reinen Sein“ bei Hegel. Es dient als Grenzbegriff, nicht als Gegenstand.

 

5. Kompliziertheit als Folge der Reduktion

„Die gibt es erst nach der Reduktion der Einzelnen auf das Eine, nämlich das Sein incl. Logik und Antinomien.“

Dieser abschließende Satz führt überraschend zur Ontologie zurück. Kompliziertheit entsteht erst, wenn man versucht, die Vielzahl auf ein einziges Prinzip zu reduzieren – etwa auf „das Sein“ im Sinne von Heideggers Fundamentalontologie oder „die Logik“ als Grundstruktur des Weltzugangs. Doch diese Reduktion bringt Antinomien hervor – unauflösbare Widersprüche, wie Kant sie in der Kritik der reinen Vernunft beschreibt, wenn etwa das Universum sowohl als endlich als auch unendlich gedacht werden muss.

Kompliziertheit ist hier nicht ein Merkmal der Welt „an sich“, sondern ein Produkt unserer Ordnungsversuche. Die Welt ist nicht kompliziert – unser Denken ist es, wenn es versucht, sie auf das Eine zu bringen.

 

Fazit: Der Versuch, das Einzige zu denken – und daran zu scheitern

„Dies und das…“ ist ein Spiel mit den Grundbegriffen der Philosophie – aber ein ernsthaftes. Es zeigt, dass die Sprache selbst zu einem Medium wird, in dem die Unmöglichkeit begrifflicher Klarheit offen sichtbar wird. Das Einzige bleibt ein Prinzip, ein Bezugspunkt, an dem sich das Denken immer wieder entzündet, ohne ihn je greifen zu können. Komplexität, Identität, Einheit und Andersheit bleiben nicht eindeutig zu trennen – sie verweisen wechselseitig aufeinander.

Wie bei Wittgenstein im Tractatus Logico-Philosophicus liegt die Kraft des Textes im Versuch, das Undenkbare zu umkreisen – bis zu jenem Punkt, an dem „man schweigen muss“. Doch der Proemial Blog schweigt nicht. Er spielt weiter – mit „dies und das“ – und zwingt uns dabei, die Kategorien, die unser Denken ordnen, immer neu zu befragen.

 

Weiterführende Verweise:

  • PlatonParmenides (das Eine und das Viele)

  • PlotinEnneaden (das Eine als Quelle allen Seins)

  • Max StirnerDer Einzige und sein Eigentum (Das radikal Individuale)

  • Gilles DeleuzeDifferenz und Wiederholung (Anti-Identität)

  • Niklas LuhmannSoziale Systeme (Komplexität und Emergenz)

  • Immanuel KantKritik der reinen Vernunft (Antinomien der Vernunft)

  • Ludwig WittgensteinTractatus Logico-Philosophicus („Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen…“)