Vielwortblase

Der Text spielt mit der Idee der reinen Unvoreingenommenheit – und entlarvt sie zugleich als leere Pose. Die Sprache, die so entschlossen auf Erkenntnisverweigerung setzt, dreht sich dabei in sich selbst ein – wie eine Seifenblase aus Wörtern, die größer wird, je länger man hineinbläst, bis sie schließlich platzt.

Unvoreingenommenheit, das ist das Entscheidende!

 

Bin ich, völlig unvoreingenommen. Ich bin mir absolut sicher, dass noch nie jemand so unvoreingenommen war, wie ich es bin. Und wer anderes behauptet, der hat keine Ahnung.

 

Und was macht dich so sicher?

 

Ganz einfach! Ich weiß nichts. Absolut und überhaupt nichts. Nicht das kleinste bisschen. Ja, ich weiß sogar nicht einmal, worum es überhaupt geht. Und selbst, wenn ich die Fragestellung gehört hätte, ich hätte kein Wort verstanden. Nicht das kleinste bisschen Sinn hätte die Frage für mich ergeben. Man könnte mir die Frage glatt in einer Sprache stellen, die noch nie zuvor gehört habe. Na, wenn das nicht überzeugend ist, dann weiß ich auch nicht. Unvoreingenommenheit! Ist das nicht herrlich! Weißt du, das muss man genießen, solange es noch anhält. Denn wer kann schon sagen, wieviel Zeit einem noch bleibt in diesem paradiesischen Zustand. Könnte doch jederzeit zu Ende sein. Und es gibt kein zurück. Das ist bekannt. Einmal vom Baum der Erkenntnis genascht, aus und vorbei. Das lässt sich nun mal nicht rückgängig machen, wie jeder weiß. Deshalb ist äußerste Vorsicht geboten. Sobald das kleinste bisschen Erkenntnis auch nur im Anflug sein sollte, sofort die Augen zu und die Finger in die Ohren. Und am Besten noch laut dazu schreien. Das ist nicht nur wirksam, das bleibt im Gedächtnis. So jedenfalls mache ich das immer. Und ich denke, ich kann behaupten, dass ich mit dieser Methode bisher recht erfolgreich war. Ich konnte mir meine Unvoreingenommenheit bis zum heutigen Tag vollständig bewahren. Und wer kann das schon von sich behaupten? So, und nun zu dir. Wer bist du eigentlich?

Analyse

Der kurze Prosatext „Vielwortblase“ ist ein pointiertes, fast kabarettistisch anmutendes Sprachstück über den paradoxen Begriff der Unvoreingenommenheit. In Form eines sarkastisch-überzogenen Monologs entlarvt der Text die Selbsttäuschung im absoluten Nichtwissen, den performativen Widerspruch von reiner Objektivität – und macht sich dabei über den philosophischen Anspruch auf reine Erkenntnis ebenso lustig wie über die Alltagsarroganz des „Ich-weiß-nichts-und-das-macht-mich-besser-als-ihr“.

 

1. Unvoreingenommenheit als performativer Widerspruch

Der zentrale Begriff des Textes ist die Unvoreingenommenheit – ein klassisches Ideal in Philosophie, Wissenschaft und Ethik. Doch der Erzähler behauptet:

„Ich bin mir absolut sicher, dass noch nie jemand so unvoreingenommen war, wie ich es bin.“

Diese Aussage kippt sofort ins Paradoxe. Wer sich absolut sicher ist, ist definitionsgemäß nicht unvoreingenommen. Die Gewissheit widerspricht dem Ideal der Offenheit. Hierin liegt ein klassischer performative contradiction, wie ihn etwa der Philosoph Jürgen Habermas in seiner Diskurstheorie beschreibt: Man handelt gegen das, was man behauptet.

 

2. Ironie des Nichtwissens: Die Pseudologik des radikalen Unwissenden

Der Erzähler brüstet sich mit seiner Unwissenheit:

„Ich weiß nichts. Absolut und überhaupt nichts.“

Das erinnert an Sokrates’ berühmte Feststellung im Apologie-Dialog von Platon:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Doch während Sokrates’ Geständnis auf eine Haltung der kritischen Offenheit zielt, wird hier das Nichtwissen zur Selbstüberhöhung, zur narzisstischen Tugend stilisiert. Das ist kein bescheidenes Eingeständnis, sondern eine arrogante Pose, die jede Form von Erkenntnis – und damit auch jede Form von Verantwortung – verweigert.

Man könnte dies mit Stanley Cavells Idee der „philosophischen Verweigerung“ vergleichen – nur dass sie hier ins Groteske getrieben wird.

 

3. Mythos, Erkenntnis und der paradiesische Zustand

„Einmal vom Baum der Erkenntnis genascht, aus und vorbei.“

Der Text bedient sich der biblischen Metapher vom Baum der Erkenntnis – aus der Erzählung von Adam und Eva im Buch Genesis. In dieser Stelle kippt der ironische Ton ins kulturkritische: Erkenntnis als Sündenfall, als unumkehrbarer Verlust des „paradiesischen Zustands“ – also der völligen Ahnungslosigkeit.

Doch anders als in der religiösen Lesart, in der Erkenntnis mit Schuld verbunden ist, wird hier das Nichtwissen verklärt zur Tugend – eine paradoxe Umkehrung, wie sie etwa im Werk Jean Baudrillards oder Paul Feyerabends Kritik an der Vernunft aufscheint: Erkenntnis ist Illusion, Nichtwissen ist Reinheit.

 

4. Absurdismus und Selbstschutz: Erkenntnisabwehr als Lebensform

Die Szene wird grotesker:

„Sobald das kleinste bisschen Erkenntnis auch nur im Anflug sein sollte, sofort die Augen zu und die Finger in die Ohren. Und am Besten noch laut dazu schreien.“

Diese Passage ist eine karikaturhafte Beschreibung einer Art metaphysischen Verdrängung, einer aktiven Widerstandsstrategie gegen Erkenntnis. In ihrer Absurdität erinnert sie an Albert Camus' „Der Mythos des Sisyphos“, wo der Mensch vor der Absurdität der Welt steht – und darin tragikomisch handelt.

Im Text ist diese Reaktion allerdings nicht tragisch, sondern selbstgewählt – eine Form des intellektuellen Eskapismus. Der Erzähler kultiviert eine Haltung des „radikalen Dummstellens“, nicht als Notwehr, sondern als bewusste Strategie gegen die Zumutung von Weltdeutung.

 

5. Dekonstruktion des Subjekts: Wer spricht hier eigentlich?

Am Ende des Textes wird der Leser direkt angesprochen:

„So, und nun zu dir. Wer bist du eigentlich?“

Hier schließt sich ein zirkulärer Kreis: Die Rolle des Subjekts wird umgedreht, das zuvor so redselige Ich stellt plötzlich eine fast kindlich-naive Frage. Diese Pointe ist vieldeutig:

  • Sie kann als Entlarvung der Selbstbezogenheit gelesen werden.

  • Oder als Infragestellung der eigenen Identität – denn wer nichts weiß, kann auch nichts über sich wissen.

  • Oder als Spiegelung auf den Leser selbst: Hast du eigentlich selbst eine Vorstellung davon, wer du bist – und wie viel davon nur eine Blase aus Worten ist?

Insofern lässt sich hier ein Bezug zur Poststrukturalismus herstellen, etwa zu Jacques Derrida oder Michel Foucault, die beide das feste Subjektbegriff in Frage stellten: Identität sei nichts Festes, sondern nur eine Funktion von Sprache, Diskurs, Macht.

 

Fazit: Viel Worte, wenig Substanz – oder gerade deshalb viel Wahrheit?

Der Text „Vielwortblase“ spielt mit der Idee der reinen Unvoreingenommenheit – und entlarvt sie zugleich als leere Pose. Die Sprache, die so entschlossen auf Erkenntnisverweigerung setzt, dreht sich dabei in sich selbst ein – wie eine Seifenblase aus Wörtern, die größer wird, je länger man hineinbläst, bis sie schließlich platzt.

Dabei bleibt der Text witzig, intelligent und selbstironisch. Er erinnert an große philosophische Paradoxien:

  • Sokrates’ Nichtwissen

  • Wittgensteins Sprachgrenzen

  • Derridas Dekonstruktion des Subjekts

  • Camus' Absurdität des Daseins

Am Ende bleibt die Frage: Ist Unvoreingenommenheit überhaupt möglich? Oder ist sie selbst schon ein Standpunkt – und damit voreingenommen?

Die Antwort gibt der Text nicht. Aber er zeigt: Wer wirklich unvoreingenommen ist, würde sich kaum damit brüsten. Schon gar nicht in 600 Worten.

 

Literaturverweise:

  • Platon: Apologie des Sokrates

  • Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos

  • Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns

  • Jacques Derrida: Grammatologie

  • Stanley Cavell: The Claim of Reason

  • Michel Foucault: Archäologie des Wissens