Der Zwang zur Symmetrie

Gotthard Günthers Analyse stellt eine fundamentale Infragestellung der abendländischen Metaphysik dar. Sein Hauptanliegen besteht darin, die kognitive und reflexionslogische Asymmetrie zwischen Subjektivität und Objektivität ernst zu nehmen – nicht als Mangel oder Defekt, sondern als Bedingung einer zukünftigen, nicht-aristotelischen Logik.

„Man will immer noch nicht sehen, dass das einfache Umtauschverhältnis von Affirmation und Negation, das durch die klassische Negationstafel bestimmt wird, einen Denkzwang auslöst, der sich in einem metaphysischen Glauben an eine finale ontische Symmetrie von Subjekt und Objekt manifestiert. Solange man als selbstverständlich voraussetzt, dass im Absoluten Subjekt und Objekt zu totaler Deckung kommen, muss jede Wirklichkeitsdeutung, soweit sie aussprechbar sein soll, entweder wieder auf dem Hintergrunde einer absoluten Subjektivität oder einer ebenso absoluten Objektivität erfolgen. Erwies sich die eine Deutung als unzureichend, dann musste die Wahrheit eben auf der anderen Seite liegen. Das führte unvermeidlich zu der ideologischen Kontroverse von Idealismus und Materialismus. Formal gesprochen: Das einfache Umtauschverhältnis von Affirmativität und Negation, mit dem die klassische Logik anfängt, wurde in seiner Anwendung auf die Welt immer als ein Rang- oder Vorzugsverhältnis gedeutet, in dem die eine Komponente der andern unbedingt über- bzw. untergeordnet wurde.

Dass die Bedenklichkeit eines solchen Verfahrens im Verlauf der Geschichte der Wissenschaft nur höchst langsam in das reflektierende Bewusstsein drang, war sehr verständlich, denn alle auf dieses Prinzip sich stützenden Welterklärungen konnten bis zur Gegenwart hin mit enormen Erfolgen auf naturwissenschaftlichem Gebiet aufwarten. Kein Wunder! Der wissenschaftliche Naturbegriff, der sich unter dem Einfluss griechischen Denkens und speziell der Aristotelischen Logik entwickelte, zielte mit völliger Selbstverständlichkeit auf die Darstellung eines subjektlosen Universums von totaler Objektivität, in der Subjektivität nur soweit tolerierbar war, als es möglich schien, die letztere restlos in der Gediegenheit eines gegenständlichen Ansichs aufzulösen. Das führte zu zwei ebenbürtigen Weltbildern, die sich gegenseitig nicht mehr widerlegen konnten, bzw. zu der letzten Alternative von Wissen und Glauben. Entweder man sah die Welt als Natur, als subjektloses System, in dem alle Ichhaftigkeit sich nur als Störquelle darstellte, deren Beseitigung dringendste Angelegenheit der Erkenntnis war, oder aber die letzte formale Umtauschsymmetrie von Assertivität und totaler Negation machte ihre andere Seite geltend, und übrig blieb am Ende nichts anderes als die Universalität eines absoluten Subjekts, in der alle Objektivität wie wesenloser Schein vergangen war. Das war nicht das Wissen, das war der Glaube.

Was auf beiden Seiten dabei mit fragloser Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird, ist die totale Reduzibiltät der beiden Weltkomponenten Objekt und Subjekt auf endgültige Identität. Sowohl für das Objekt wie für das Subjekt gilt, dass es sich um transzendente Größen handelt, deren Eigenschaften auf eine letzte primordiale Identität zurückführbar sind. In dem einen Fall ist dann vom objektiven Sein überhaupt die Rede und in dem anderen von dem ewigen, lebendigen Gott. Nun dürfte heute kaum ein Zweifel existieren, dass in einem subjektlosen Universum die These von der absoluten Reduzibilität der Vielheit auf Einheit einen unverlierbaren Wahrheitskern enthält. Der Verfasser sieht sich aber hier genötigt, ebenso emphatisch zu behaupten, dass die Übertragung dieser These auf das Problem der Subjektivität einen schweren philosophischen Irrtum darstellt. Zwar scheidet Kant noch ein Ding an sich von einem Ich an sich; da aber im An-sich-Bereich nichts mehr aussagbar ist, ist es auch unzulässig, der Subjektivität andere primordiale Eigenschaften zuzuschreiben als der Objektivität. Wird also von der Objektivität ihre absolute Reduzibilität auf Einheit (Sein überhaupt) behauptet, so muss das auch von der Subjektivität gelten. Das führt dann letzten Endes wieder zu der metaphysischen These der coincidentia oppositorum, in der die klassische Tradition gipfelt und die idealistisch oder materialistisch ausgelegt werden kann.“

 

(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. XXIII/XXIV)

Analyse

In „Der Zwang zur Symmetrie“ entfaltet Gotthard Günther eine radikale Kritik an einem fundamentalen Denkprinzip der klassischen Philosophie: dem Glauben an die ontische Symmetrie von Subjekt und Objekt. Seine Analyse durchbricht eine bis in die griechische Antike zurückreichende Vorstellung – dass das Absolute in einer totalen Identität von Denken (Subjekt) und Sein (Objekt) aufgeht. Diese Vorstellung liegt nicht nur dem Idealismus und Materialismus gleichermaßen zugrunde, sondern strukturiert das gesamte System der klassischen Logik, insbesondere in ihrem Umgang mit Negation und Identität.

Günther zeigt, dass die klassische Negationstafel – das einfache Umtauschverhältnis von Affirmation und Negation – nicht neutral ist. Sie erzeugt einen Denkzwang: eine unreflektierte Voraussetzung, dass beide logisch kodierten Größen – Subjekt und Objekt – letztlich auf dieselbe ontologische Struktur reduzierbar sind. Dieser Zwang führt zu einer Fixierung auf „symmetrische“ Weltbilder: Entweder erscheint die Wirklichkeit als objektiv-totales Sein, in dem Subjektivität als Illusion verschwindet (Materialismus), oder sie erscheint als absolutes Subjekt, in dem alle Objekte nur als Erscheinungen eines Geistes existieren (Idealismus). In beiden Fällen bleibt eine metaphysische Grundannahme bestehen: Dass Subjekt und Objekt letztlich identisch seien, nur eben je nach Blickrichtung verschieden gedeutet.

 

1. Der Fehler der Reduktion: Einheit um jeden Preis

Günther analysiert diesen Sachverhalt formal als den Fehlschluss einer Übertragung struktureller Reduktion von Objektivität auf Subjektivität. Im naturwissenschaftlichen Denken, das durch aristotelische Logik geprägt ist, mag die Reduktion auf einheitliche Prinzipien – etwa mathematisierbare Naturgesetze – sinnvoll und erfolgreich sein. In einem „subjektlosen Universum“, so Günther, ist die Idee einer finalen Einheit plausibel.

Aber: Die Subjektivität, das Ich, lässt sich nicht nach dem gleichen Schema erfassen. Hier liegt laut Günther ein gravierender Kategorienfehler vor. Denn während die objektive Welt in Raum und Zeit analysierbar ist, ist Subjektivität nicht einfach ein weiteres Objekt, sondern Bedingung und Form der Weltauffassung. Die Gleichsetzung beider als „transzendente Größen“, wie sie in klassischen Konzepten wie der coincidentia oppositorum (Einheit der Gegensätze) vorgenommen wird, verkennt die qualitativ andere Seinsweise des Subjekts.

 

2. Die ideologische Sackgasse: Idealismus vs. Materialismus

Der metaphysische Zwang zur Symmetrie hat nicht nur logische, sondern auch ideologische Folgen. Günther macht deutlich, dass die gesamte Kontroverse zwischen Idealismus und Materialismus letztlich auf dieser (falschen) Voraussetzung beruht: Beide konkurrieren um die „richtige“ Seite einer ontischen Symmetrie, ohne deren Gültigkeit überhaupt zu hinterfragen. Es ist eine Scheinalternative, denn beide Seiten teilen dieselbe Grundlage – sie halten an einer finalen Deckung von Subjekt und Objekt fest, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

So entsteht ein Zustand, in dem Philosophie nur zwischen zwei dogmatischen Polen oszilliert: Entweder man glaubt an das objektive, subjektlose Sein (→ Natur), oder man glaubt an die Allmacht eines absoluten Subjekts (→ Gott, Geist). Günther stellt diesem Dualismus ein drittes Denken entgegen, das nicht mehr durch die Zwangslogik der klassischen zweiwertigen Logik (wahr/falsch, Sein/Nichtsein, Ich/Es) strukturiert ist.

 

3. Der Weg zur nicht-Aristotelischen Logik

Günthers Ausweg aus diesem Symmetriezwang besteht in der Entwicklung einer nicht-Aristotelischen Logik. Diese neue Logik erlaubt die Koexistenz und Wechselwirkung unterschiedlicher Reflexionssysteme, ohne sie auf eine höhere Einheit zurückführen zu müssen. Sie akzeptiert den Bruch, die Nicht-Reduzierbarkeit, das asymmetrische Verhältnis von Subjekt und Objekt als konstitutiv für Bewusstsein und Weltbezug. Subjektivität ist nicht „ein Teil der Welt“, sondern eine eigene Reflexionsstruktur – und kann daher nicht mit objektiven Prinzipien vollständig erklärt werden.

An dieser Stelle ist Günther in der Nähe zu postmetaphysischen Denkern wie Jacques Derrida oder Niklas Luhmann, die ebenfalls das klassische Subjekt-Objekt-Schema aufbrechen – wenngleich aus anderen disziplinären Perspektiven (Dekonstruktion bzw. Systemtheorie). Auch bei Kant findet sich ein früher Hinweis auf diese Unterscheidung: Er trennt zwar das Ding an sich vom Ich an sich, doch mangels sprechbarer Inhalte im „An-sich“ bleiben beide dennoch auf dieselbe Unbestimmtheit reduziert – was Günther als philosophische Sackgasse kritisiert.

 

Fazit: Das Ende der metaphysischen Symmetrie

Gotthard Günthers Analyse des „Zwangs zur Symmetrie“ stellt eine fundamentale Infragestellung der abendländischen Metaphysik dar. Sein Hauptanliegen besteht darin, die kognitive und reflexionslogische Asymmetrie zwischen Subjektivität und Objektivität ernst zu nehmen – nicht als Mangel oder Defekt, sondern als Bedingung einer zukünftigen, nicht-aristotelischen Logik. Diese Logik würde es erlauben, über das dualistische Schema von Idealismus und Materialismus hinauszudenken – nicht durch Synthese, sondern durch strukturelle Komplexität.

 

Literaturverweise

  • Günther, Gotthard: Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1978, S. XXIII–XXIV.

  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Wissenschaft der Logik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.

  • Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, B-Edition, A295/B352 ff.

  • Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1972.

  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1984.