Der Text entfaltet in scheinbar beiläufigem Plauderton ein komplexes Modell nicht‑linearer Existenz: Züge verkörpern gesellschaftliche Zeitpfade, Fäden öffnen ein Geflecht alternativer Routen, Hankman bewohnt die Schwelle, nutzt Ironie als Schutz und Freiheit als Prinzip. Das Gespräch lädt ein, herkömmliche Fortschritts‑ und Zugehörigkeitszwänge zu hinterfragen. „Aus der Zeit gefallen“ heißt hier nicht Stillstand, sondern die Fähigkeit, Zeit als pluralen Raum zu betreten – oder zu verlassen.
Hey Hankman, manchmal denke ich, du bist irgendwie aus der Zeit gefallen.
Merkwürdiger Ausdruck, aber gefällt mir, aus der Zeit gefallen, stell ich mir vor wie einen Zug, wo alle mitfahren, vielleicht auch mehrere Züge, aber frag mich nicht, in welchem zeitlichen Abstand die fahren, aber egal, Züge eben, und alle fahren mit, während ich nur ab und zu mal mitfahre, je nach Lust und Laune, ich steige einfach mal zu, rede ein bisschen mit den Leuten, und wenn ich genug habe, dann steige ich einfach wieder aus, das trifft es wirklich ganz gut, ich meine das mit den Zügen, aus der Zeit gefallen, das bedeutet natürlich nicht, dass ich aus dem Zug gefallen bin, ich reise einfach nur nicht so wie die anderen, falls du das gemeint hast, die Frage wäre nun, ob ich auch außerhalb der Züge - sind das eigentlich die Züge des Lebens? – auch Leute treffe, jedenfalls würde ich diese Frage stellen, an deiner Stelle, stellen – Stelle, witzig, aber egal, natürlich treffe ich ab und zu Leute außerhalb der Züge, aber das ist eher selten, und das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, da könnte ich ja gleich in den Zügen bleiben, der Punkt ist doch, dass ich das jederzeit entscheiden kann, wobei klar ist, sowohl mir, als auch den Leuten in den Zügen, dass ich nicht wirklich dazugehöre, aber das ist kein Problem, jedenfalls nicht für mich, und wenn die anderen ein Problem damit haben, was soll's, dann fahre ich eben nicht mehr mit, jedenfalls hatte ich bisher doch immer das Gefühl, dass ich willkommen bin, auch wenn ich vielleicht für die Leute in den Zügen nur ein Art unterhaltsame Abwechslung bin, ein Clown, Spaßmacher, Harlekin, ist mir aber egal, denn das Interessante ist ja, dass die Leute in den Zügen so extrem unterschiedlich sind, hält man gar nicht für möglich, wie groß die Unterschiede sind, aber egal, jetzt habe ich irgendwie den Faden verloren, macht nichts, der findet sich schon wieder, der oder ein anderer Faden, es gibt unheimlich viele Fäden, wusstest du das eigentlich, und keiner ist wie der andere, Züge und Fäden, merkwürdige Unterhaltung, die wir hier führen, Züge und Fäden, ich wette, nicht viele Menschen unterhalten sich über Züge und Fäden, ich glaube, da sind wir die einzigen, aber wie man sieht, selbst Züge und Fäden können ein ergiebiges Gesprächsthema sein, ich geh dann mal weiter, war auf jeden Fall ein nettes Gespräch mit dir, können wir gern bei Gelegenheit wiederholen, ich meine das Gespräch an sich, der Inhalt darf vom heutigen Gespräch abweichen, oder wie siehst du das, ich denke, du wirst mir zustimmen, so, jetzt muss ich aber wirklich los, wir sehen uns...
Analyse
Der Monolog, den „Hankman“ hier entfaltet, wirkt wie ein assoziatives Feuerwerk. Auf den ersten Blick ist er bloß ein Wortschwall über Züge und Fäden; bei näherem Hinsehen entpuppt er sich jedoch als dichter Text über Außenseitertum, Freiwilligkeit und die Frage, was es heißt, in der Zeit zu leben – oder eben daneben. Im Folgenden sollen die zentralen Metaphern gedeutet und in philosophische, soziologische und literarische Kontexte gestellt werden.
1. Der Zug als Lebenszeit‑Metapher
Die Gesprächseröffnung – „manchmal denke ich, du bist irgendwie aus der Zeit gefallen“ – evoziert sofort das Bild gemeinsamer linearer Bewegung. Hankman übersetzt es in eine Szene: Mehrere Züge rauschen, „alle fahren mit“. Die Assoziation knüpft an klassische Lebensbahnen‑Metaphorik an; schon Theodor Fontane ließ in Der Stechlin einen Protagonisten sagen, der Mensch „sitzt im Zuge der Zeit“.
Hankman jedoch steigt nur sporadisch zu. Damit stellt er sich bewusst in die Tradition des Flaneurs (vgl. Walter Benjamin, Das Passagen‑Werk): eine Figur, die sich dem Strom der Moderne entzieht, um frei zu beobachten, zu „spazierenfahren“. Anders als Benjamins Flaneur bleibt Hankman nicht ständig in Bewegung, sondern wählt situativ – ein Echo auf Zygmunt Baumans „liquide Moderne“, in der Identitäten nicht mehr dauerhaft gebunden sind (Bauman 2000).
2. „Ich gehöre nicht dazu“ – Zwischen Zugehörigkeit und Distanz
Hankman weiß, dass er für die Mitfahrer „nur eine Art unterhaltsame Abwechslung“ ist – ein Clown oder Harlekin. Diese Selbstzuschreibung verweist auf die Figur des Carnivalesken bei Michail Bachtin (Rabelais und seine Welt, 1965): der Narr darf soziale Regeln kurzzeitig unterlaufen und spiegelt der Gemeinschaft ihre Normen. Hankman nimmt die Rolle dankbar an, gerade weil sie ihm Distanz sichert.
So entsteht eine paradoxe Situation: Er ist gleichzeitig drinnen und draußen, partizipiert ohne zu partizipieren. Der Anthropologe Victor Turner nannte dieses Schwebe‑Stadium „liminal“ – eine Schwelle, auf der feste Rollen suspendiert bleiben (The Ritual Process, 1969).
3. Fäden: Das rhizomatische Zeit‑Geflecht
Nachdem der Erzähler „den Faden verloren“ hat, spricht er von unzähligen Fäden, „und keiner ist wie der andere“. Der Wechsel von linearen Zügen zu verästelten Fäden führt von der klassischen Chronologie zu einem rhizomatischen Modell (vgl. Deleuze/Guattari, Rhizom, 1976): Zeit besteht nicht aus einer einzelnen Strecke, sondern aus Netzwerken, in denen jede Verbindung möglich ist. Damit desavouiert Hankman das Fortschritts‑Narrativ; er bewegt sich lieber auf Querverbindungen als auf Haupttrassen.
4. Performative Vielstimmigkeit
Stilistisch ist der Text ein Strom ohne Punkt und Komma, erinnert an Joyces Ulysses oder an Arno Schmidts Montage‑Prosa. Die Syntax performt Hankmans Haltung: Kontrolle abgeben, Assoziationen freien Lauf lassen, keine Haltepunkte erzwingen. So entsteht „Polyphonie“ (Bachtin) – zahlreiche Stimmen und Ebenen in einem Monolog.
5. Existenz zwischen Freiheit und Kontingenz
Indem Hankman jederzeit ein‑ und aussteigen kann, bejaht er radikale Freiheit (Sartre, L’Être et le Néant, 1943). Zugleich akzeptiert er die Kontingenz, als „unterhaltsame Abwechslung“ etikettiert zu werden. Bedeutend ist nicht die Zuschreibung, sondern die Selbstbestimmung über Teilnahme. Damit erinnert die Figur an Kierkegaards „ästhetisches Stadium“: das Leben als frei gewählte Möglichkeit, ohne dauerhafte Bindung.
6. Fazit
Der Text entfaltet in scheinbar beiläufigem Plauderton ein komplexes Modell nicht‑linearer Existenz:
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Züge verkörpern gesellschaftliche Zeitpfade;
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Fäden öffnen ein Geflecht alternativer Routen;
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Hankman bewohnt die Schwelle, nutzt Ironie als Schutz und Freiheit als Prinzip.
Das Gespräch lädt ein, herkömmliche Fortschritts‑ und Zugehörigkeitszwänge zu hinterfragen. „Aus der Zeit gefallen“ heißt hier nicht Stillstand, sondern die Fähigkeit, Zeit als pluralen Raum zu betreten – oder zu verlassen.
