Der Grund im irreflexiven Sein und im reflexiven Nicht-Sein (3)

Wir haben das Sein also deshalb nicht in unseren Begriffen, weil wir in keinem Begriff die ganze subjektive Reflexion haben, sondern nur eine ihrer beiden antithetischen Seiten. Es gehört zur Definition und wesentlichen Eigenschaft des logischen Subjektes, dass immer nur der eine Wert der zweiwertigen Reflexion zugänglich ist. Reflexionsidentität ist deshalb schwächer als Seinsidentität, weil sich das denkende Ich immer nur mit einem Wert der totalen Reflexion identifiziert und den zweiten als „anderes“ und Gegenstand aus sich heraussetzt. Die „Freiheit“ und Beweglichkeit des Bewusstseins (Hegels „Leben“ des Geistes) besteht nun darin, dass das Subjekt den Wert, mit dem es sich identifiziert, wechseln kann. Es kann sich sowohl als „Positives“ wie als „Negation“ begreifen. Entweder ist das Sein relativ zu ihm das andere, oder aber es hebt sich selbst als anderes von der in sich selbst ruhenden Identität der Welt ab. Beide Bewusstseinsstellungen aber repräsentieren ein radikales Umtauschverhältnis der logischen Werte der Reflexion. Die Orientierung an dem einen Wert negiert immer den anderen und umgekehrt.

Zweitens: da wir aufgrund der Doppelläufigkeit der ichhaften Reflexion das Sein nicht selbst haben, sondern nur seinen „Begriff“, ist dasselbe als Bedingung gesetzt. In dem zweiten Aspekt der von uns auf Seite 284 f zitierten längeren Textstelle führt Hegel nun aus, dass die Doppelläufigkeit der ortho- und pseudo-thematischen Reflexion auf unseren Begriff vom Sein notwendig zurückwirken muss. Je nachdem sich unsere Reflexion „Aristotelisch“ oder „kontra-Aristotelisch“ orientiert, zeigt uns das Sein eine andere Seite. Entweder es enthüllt sich uns als „Moment“ oder als „Ansichsein“. Als „Moment“ erfahren wir es in der pseudo-thematischen Reflexion-in-sich, als „Ansichsein“ aber tritt es uns entgegen, wenn wir uns in der ortho-thematischen Reflexion ihm direkt (unmittelbar) zuwenden.

 

(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 286)