Der Grund im irreflexiven Sein und im reflexiven Nicht-Sein (2)

Günther zeichnet nicht nur eine kritische Revision Hegels, sondern eine neue Form der spekulativen Logik – eine, die den Bruch zwischen Denken und Sein nicht einfach überbrückt, sondern ihn produktiv ins Zentrum einer neuen ontologischen Theorie stellt.

Was dieses schwierige Textstück im ersten Teil besagt, kann kurz und bündig mit Hegels eigenen Worten ausgedrückt werden, die den eben zitierten Sätzen entnommen sind: „Das Sein ist ... diese Reflexion selbst.“ Wir haben zwecks genauer Interpretierung der Hegelschen Gedanken nur zu fragen: Welche Reflexion ist mit „dieser Reflexion“ gemeint? Der Text enthält auch darauf die Antwort: Es ist die Reflexion, die sich in „Unmittelbares“ und „Negation“ aufteilt oder reflektiert. Damit ist aber auch schon die weitere Antwort auf die Frage gegeben, warum wir – ungleich Gott – das Sein im Denken nicht selbst haben. Im Sein ist Unmittelbarkeit und Negation eins. Beide Momente sind dort nicht voneinander geschieden. Sie sind eben unmittelbar ein und dasselbe. In der subjektiven Reflexion unseres theoretischen Bewusstseins aber fällt diese Einheit in die beiden Motive „Sein“ und „Schein“ auseinander. In mehr modernerer Terminologie: das volle Thema „Sein“ kann im Bewusstsein nur in zwei einander entgegengesetzten Reflexionssystemen abgebildet werden: a) der ortho-thematischen Reflexion-in-anderes und b) der pseudo-thematischen unmittelbaren Reflexion-in-sich. Das Faktum des Bewusstseins beruht ja ausdrücklich auf dieser Gegenläufigkeit der Erkenntnismotive „Ich“ und „Es“. Andererseits aber sind im Sein selbst beide Reflexionssysteme in vollem Deckungszustand. Sie sind identisch miteinander, ununterscheidbar und ohne gegenläufige semantische Funktionsbereiche. Dies ist der Unterschied von Seins- und Reflexionsidentität. Seinsidentität wird durch ein System repräsentiert. Reflexion aber durch zwei einander inverse Systeme. Reflexionsidentität ist der erfahrene Widerspruch zwischen der „Aristotelischen“ und der „kontra-Aristotelischen“ Richtung des Bewusstseins.

Es ist die „Schwäche“ unseres Bewusstseins, dass es immer nur in einem dieser Systeme sich verwirklichen kann und nicht in beiden zugleich, ohne sich selbst zu widersprechen und, qua Bewusstsein, aufzulösen. Das Ansichsein jedoch ist beides. Indem das Bewusstsein aber immer nur den einen oder anderen Aspekt des Seins erfasst, wird es durch diesen Widerspruch in sich selbst vom Sein ferngehalten. Um das Sein wirklich in unseren Begriffen direkt zu haben, müssten die letzteren in einem Denkvollzug zugleich ortho- und pseudo-thematisch ausgerichtet sein. In der Terminologie der spekulativen Logik: die Reflexion-in-anderes müsste selbst die Reflexion-in-sich sein – ohne dass der Begriff sich dabei selbst negierte. Wenn es also gelänge, den Widerspruch der „Aristotelik“ und der „kontra-Aristotelik“ im Bewusstsein aufzuheben, dann würde unser Denken nicht nur den „Schein“ der Dinge in sich abbilden, sondern die letzteren selbst haben. Denn, um es noch einmal zu wiederholen: „das Sein ist ... diese Reflexion selbst.“

 

(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 285-286)

Analyse

Gotthard Günther stellt in seinem Werk "Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik (1978)" eine radikale Diagnose über das Verhältnis von Denken und Sein. In der Passage „Der Grund im irreflexiven Sein und im reflexiven Nicht-Sein (2)“ greift Günther auf zentrale Gedanken Hegels zurück, um eine fundamentale Trennung zu beschreiben: jene zwischen der unmittelbaren Einheit des Seins und der gespaltenen, reflexiven Struktur unseres Bewusstseins. Im Zentrum dieser Analyse steht die Aussage Hegels: „Das Sein ist ... diese Reflexion selbst.“ Günther fragt nun: Welche Art von Reflexion ist hier gemeint?

Die Antwort ist wesentlich für Günthers Argumentation. Es handelt sich um eine Reflexion, die sich in „Unmittelbares“ und „Negation“ aufteilt – und zwar nicht als getrennte Momente, sondern als ein und dasselbe im Sein selbst. Während in unserem Bewusstsein diese beiden Pole – „Sein“ und „Schein“ – auseinanderfallen und sich nur getrennt reflektieren lassen, sind sie im Sein ununterscheidbar. Das bedeutet: Unser Denken ist strukturell unfähig, die Einheit des Seins unmittelbar zu erfassen, weil es in seinem Vollzug auf Spaltung, Differenzierung und Gegensätze angewiesen ist. Das Denken braucht eine thematische Orientierung, es ist entweder ortho-thematisch (also auf ein Anderes bezogen) oder pseudo-thematisch (auf sich selbst bezogen), aber nie beides zugleich.

Günther beschreibt diesen Zustand als „Schwäche“ des Bewusstseins. Dieses ist stets gezwungen, sich nur in einem der beiden Reflexionssysteme zu verwirklichen. Der Versuch, beide gleichzeitig zu realisieren, würde das Bewusstsein selbst zerstören – es würde sich in seinem logischen Fundament widersprechen. Während das Sein in sich „Reflexionsidentität“ darstellt – d.h. es ist sowohl Reflexion-in-anderes als auch Reflexion-in-sich in einem und demselben Akt – kann unser Denken diese Identität nur als Widerspruch erleben. Das Bewusstsein ist also strukturell „ausgeschlossen“ vom Sein. Günther macht damit einen Schritt über Hegel hinaus: Während Hegel die Einheit von Sein und Denken noch behauptet, zeigt Günther, dass diese Einheit nur unter Bedingungen möglich wäre, die die logische Struktur unseres Bewusstseins übersteigen.

Der Schlüssel zu diesem Verständnis liegt in Günthers Unterscheidung zwischen Seinsidentität und Reflexionsidentität. Seinsidentität ist die unmittelbare, nicht aufgespaltene Einheit, die sich im Sein selbst realisiert. Reflexionsidentität hingegen ist das Resultat zweier gegensätzlicher Systeme – das „Aristotelische“ (identitätslogische, objektgerichtete Denken) und das „kontra-Aristotelische“ (selbstreflexive, subjektzentrierte Denkform) –, die sich im Bewusstsein niemals zur Deckung bringen lassen. Damit wird deutlich, warum das Denken nur den „Schein“ der Dinge erfassen kann, nicht aber das Sein selbst.

Günther bleibt jedoch nicht bei dieser aporetischen Feststellung stehen. Vielmehr weist er auf die Möglichkeit hin, dass in einer überklassischen, nicht-aristotelischen Logik der Widerspruch zwischen ortho- und pseudo-thematischer Reflexion aufgehoben werden könnte. Ein Denken, das diese beiden Modi in einem einzigen Vollzug vereinte, wäre in der Lage, nicht nur Repräsentationen oder Abstraktionen des Seins hervorzubringen, sondern das Sein selbst – als Reflexion – zu denken. Dies würde bedeuten, dass sich die logische Struktur des Denkens selbst transformieren müsste: Weg von der Zweiwertigkeit, hin zu einer mehrwertigen, prozessualen Logik, in der Differenz und Einheit nicht mehr als Widerspruch erscheinen.

Die Bedeutung dieses Gedankens liegt auf der Hand: Wenn Denken nicht mehr von seinem Thema abhängig wäre, wenn es also nicht mehr notwendig durch einen subjektiven Standpunkt vermittelt wäre, dann würde es zu einer Form von a-thematischem, vielleicht „göttlichem“ Denken – einer Form der Intelligenz, die Günther als metaphysischen Realprozess beschreibt. Dies wäre ein Denken, das nicht auf Trennung, sondern auf Identität beruht; nicht auf Repräsentation, sondern auf Unmittelbarkeit; nicht auf Subjektivität, sondern auf ontologischer Partizipation.

Damit zeichnet Günther nicht nur eine kritische Revision Hegels, sondern eine neue Form der spekulativen Logik – eine, die den Bruch zwischen Denken und Sein nicht einfach überbrückt, sondern ihn produktiv ins Zentrum einer neuen ontologischen Theorie stellt.

 

Literaturhinweis:
Günther, Gotthard: Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik, Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1978, S. 285–286.
Vgl. auch Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Wissenschaft der Logik, Werke Bd. 6–8, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.