Der Text stellt eine prägnante Diagnose: Die Philosophie darf sich nicht selbst entmächtigen, indem sie sich jeder Form verweigert. Vielmehr muss sie lernen, neue Formen zu entwickeln – in Anknüpfung an Kant, über Hegel hinaus, mit Blick auf Kybernetik, Quantenlogik und mehrwertige Systeme.
Es ist aber ein Irrtum zu glauben, dass damit, dass die Reflexion diese Form [die der zweiwertigen Logik] des Denkens hinter sich lässt, jegliche logische Form schlechthin aus dem philosophischen Begreifen verbannt ist und dass die Philosophie von jetzt an – speziell dort, wo sie sich als Metaphysik entwickelt – über das „bloß“ formale Denken erhaben sei.
Es ist bedauerlich, dass Hegel in der Tat einem solchen irrtümlichen Glauben gehuldigt hat. Aber es ist kaum zu begreifen, wenn angesichts der enormen Fortschritte der modernen symbolischen Logik auf dem Gebiete der Formanalyse noch heutzutage Hegelapologeten diesen antiquierten Standpunkt verteidigen. Dass bei transzendentalen Idealisten auch in unserem Zeitalter der Quantentheorie, der Kybernetik und der mathematischen Logik noch eine geradezu unermessliche Fülle wieder verlorengegangener philosophischer Einsichten zu finden sind und dass die Gegenwart nur ihr eigenes philosophisches Niveau unerträglich heruntersetzt, wenn sie diese Tatsache ignoriert, ist richtig. Die heute sehr spärlich gewordenen Apologeten des Idealismus aber vergessen völlig, dass auch die tiefsten Gedanken kommunizierbar sein müssen und dass das Bestehen auf einem strikten Formalismus nicht mehr bedeutet als die unbedingte Forderung eines stets nachprüfbaren Systems der Kommunikation. Dabei mag sich allerdings zeigen, dass gewisse Kommunikationssysteme für die Übermittlung neuer Einsichten nicht mehr geeignet sind.
Genau dieser Fall liegt in der mit Kant beginnenden neuen Problematik des philosophischen Denkens vor. Schon Kant sieht ein, dass die transzendentale Reflexion sich nicht mehr in den Strukturzusammenhang der vorgeschriebenen klassischen Denkformen fügen will. Daraus aber, wie seine Nachfolger es tun, zu schließen, dass die Philosophie sich damit endgültig von den Banden eines nachprüfbaren und berechenbaren Formalismus frei gemacht habe, heißt, das Denken einem hoffnungslosen Anarchismus und Nihilismus zu überantworten.
(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 304)
Analyse
I. Die Irritation der Logik
Im Ausgangspunkt steht Günthers These, dass es ein Irrtum sei, anzunehmen, das Überschreiten der zweiwertigen Logik bedeute das Ende jeglicher logischer Form. Die Kritik trifft nicht nur Hegel, der in der dialektischen Bewegung des Begriffs eine Aufhebung formaler Logik sah, sondern auch jene zeitgenössischen Philosophen, die sich idealistisch über jede Logik hinwegsetzen. Damit erinnert Günther an ein fundamentales Prinzip: Auch das innovativste Denken bleibt der Kommunikation verpflichtet – es muss artikulierbar, vermittelbar und überprüfbar bleiben.
Günthers Argument richtet sich gegen eine gewisse metaphysische Selbstherrlichkeit, die sich im 20. Jahrhundert – etwa bei Heidegger oder den Spätidealisten – durchzusetzen versuchte: ein Denken, das sich nicht mehr an kommunizierbaren Formen misst, sondern sich selbst genügt. Solches Denken aber, so Günther, verliert letztlich die Fähigkeit, Erkenntnis zu strukturieren – und fällt zurück in bloße Intuition oder Mystifikation.
II. Kant, Formwandel und die Geburtsstunde der Reflexion
Der zentrale Bruch in der Geschichte des Denkens beginnt für Günther mit Kant. Dieser sieht ein, dass sich die transzendentale Reflexion nicht mehr in die überlieferten Kategorien aristotelischer Logik pressen lässt. Kant war der Erste, der systematisch die Bedingungen des Denkens selbst zum Gegenstand machte. In dieser radikalen Wende liegt auch der Impuls zur Entwicklung einer nicht-aristotelischen Logik.
Doch Günther warnt davor, daraus den Schluss zu ziehen, jeglicher Formalismus sei obsolet. Denn die Preisgabe jeder formalen Struktur – so der Text – führe nicht in ein höheres Denken, sondern in Anarchismus und Nihilismus. Günther stellt somit nicht die Form selbst in Frage, sondern fordert ihre Erweiterung: weg von einer Zweiwertigkeit (wahr/falsch), hin zu mehrwertigen oder dynamischen logischen Strukturen, wie sie etwa in der Kybernetik, der Quantenlogik oder transklassischen Systemtheorie denkbar werden.
III. Form als Kommunikationsbedingung
Ein besonders bemerkenswerter Gedanke des Textes ist der Zusammenhang von Formalismus und Kommunikation. Dass tiefste Gedanken kommunizierbar sein müssen, ist nicht bloß ein pragmatisches Argument. Es ist Ausdruck eines ethischen und erkenntnistheoretischen Prinzips: Denken ist kein privates Geschehen, sondern ein intersubjektiver Akt.
Ein bloß intuitives Denken ohne logische Struktur wird unzugänglich, autoritär oder beliebig. Günthers Verteidigung des „strikten Formalismus“ ist daher nicht rückwärtsgewandt, sondern erkennt im formalen Rahmen die Voraussetzung für Verständigung, Prüfung und Fortentwicklung. Auch das Denken braucht Spielregeln – allerdings solche, die sich an veränderte Spielfelder anpassen.
IV. Jenseits von Aristoteles – aber nicht gegen ihn
Der Begriff der „Abschnürung“ im Titel verweist auf eine Trennung: von der klassischen, aristotelisch geprägten Logik – mit ihren fixen Kategorien, Syllogismen und zweiwertigen Urteilen. Diese Abschnürung ist notwendig, um die Anforderungen eines komplexen, sich wandelnden Erkenntnishorizonts zu erfüllen. Doch sie darf, so der Text, nicht mit Abkoppelung verwechselt werden.
Auch in einer Zeit der Quantenphysik, Informationstheorie und kybernetischen Modelle bleibt Philosophie auf Struktur angewiesen – aber auf eine neue Form von Struktur, die sich aus dem Wandel selbst ergibt. Günther spricht hier von einer nicht-aristotelischen Logik, die dynamisch, relationell und selbstreflexiv ist – und dabei dennoch formtreu im kommunikativen Sinn.
Fazit: Die neue Form der Form
Der Text stellt eine prägnante Diagnose: Die Philosophie darf sich nicht selbst entmächtigen, indem sie sich jeder Form verweigert. Vielmehr muss sie lernen, neue Formen zu entwickeln – in Anknüpfung an Kant, über Hegel hinaus, mit Blick auf Kybernetik, Quantenlogik und mehrwertige Systeme.
Gotthard Günthers Anliegen ist daher ein doppeltes: einerseits die Überwindung veralteter Denkmuster, andererseits die Rettung der Rationalität vor ihrer eigenen Selbstaufgabe. Das Proemial nimmt diesen Gedanken auf und spitzt ihn zu einer grundlegenden Frage zu: Was bleibt vom Denken, wenn es aufhört, sich überprüfen zu lassen?
Weiterführende Literatur:
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Gotthard Günther, Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik, Felix Meiner Verlag, 1978.
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Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, besonders die Transzendentale Dialektik.
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Heinz von Foerster, KybernEthik – zur Verbindung von Kybernetik und Ethik.
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Jean Piaget, Logik und Psychologie des Denkens – zur Entwicklung kognitiver Strukturen jenseits klassischer Logik.
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Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen – zur Sprache als Form des Lebens.
