Aristotelische "Abschnürung" (2)

Was der Text in aller Schärfe sichtbar macht, ist eine philosophische Krise, die sich nicht durch bloße Rückkehr zu alten Systemen oder durch noch tieferes Eintauchen in spekulative Sprache lösen lässt. Es braucht eine neue Form der Philosophie, die sowohl verständlich als auch tiefgründig, sowohl strukturiert als auch offen ist.

Dies ist denn in der Tat auch unser heutiges Erbe, das wir von den Idealisten übernommen haben. Auf der einen Seite wird unabhängig von aller Philosophie im Zuge einer völlig säkularisierten Entwicklung der Mathematik und Naturwissenschaften ein sinn-indifferenter Formalismus von raffiniertester Verfeinerung ausgearbeitet, in dem in wissenschaftlich exakt nachprüfbarer Weise zum ersten Mal festgestellt wird, dass der klassische Formalismus in der Tat so eng ist, dass er nicht einmal mehr modernen naturwissenschaftlichen Bedürfnissen (geschweige denn philosophischen) genügt. Auf der anderen Seite aber ist das Erbe Hegels in Hunderte und Tausende von zusammenhanglosen Ideen und Ideechen zersplittert. Niemand ist gegenwärtig in der Lage, ein echtes philosophisches Gespräch mit seinem Nachbarn zu führen. Man besitzt keine gemeinsamen Voraussetzungen mehr und kein allgemein anerkanntes System der Kommunikation, vermittels dessen die wenigen relevanten Ideen, die noch in den besseren Köpfen ein einsiedlerisches Dasein führen, in sachlich bindender Weise mitgeteilt werden können.

Das Vorbild für diese geistige Anarchie liefern die Fichteschen, Schellingschen und Hegelschen Texte selber. Niemand, der wirklich ehrlich ist, wird behaupten, dass er den Text der Phänomenologie des Geistes oder der Großen Logik dem präzisen Wortlaut nach genau verstehen kann. Das meiste ist, wenn wir einmal ganz aufrichtig sein wollen, ein obskures Abrakadabra, demgegenüber alle Mitteilungs- und Interpretationssysteme, über die wir bisher verfügen, kläglich versagen. Die Folge davon ist, dass von mathematisch orientierten Denkern, die auf Reinlichkeit und Durchsichtigkeit der Begriffe dringen, der spekulative Idealismus verächtlich beiseite gelassen wird. Von den noch am transzendentalen Idealismus festhaltenden Philosophen aber wird die Dunkelheit und Unkommunikabilität dieser Texte als Beweis genommen, dass hier das Denken wirklich die letzten Grenzen formalisierbarer – und exakt mitteilbarer – Rationalität überschritten habe.

 

(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 304, 305)

Analyse

 

I. Ein zersplittertes Erbe: Der Stand der Philosophie nach dem Idealismus

Der Text zeichnet ein schonungsloses Bild der Philosophie nach Hegel. Was von den großen Entwürfen des deutschen Idealismus übriggeblieben ist, sei ein zersplittertes, kaum noch anschlussfähiges Sammelsurium von Gedankenfragmenten – „Ideen und Ideechen“, wie es im Text heißt. Der einst universal gedachte Anspruch philosophischen Denkens, systematisch das Ganze zu erfassen und zugleich kommunizierbar zu bleiben, sei gescheitert.

Günther kontrastiert diesen Zerfall mit der entgegengesetzten Entwicklung in Mathematik und Naturwissenschaft: Dort habe sich ein formaler Apparat von höchster Präzision und Verfeinerung herausgebildet – allerdings in völliger Sinn-Indifferenz. Die Moderne, so die Diagnose, habe sich aufgespalten in ein überfeinertes, aber inhaltsleeres Denken einerseits, und ein bedeutungsschweres, aber kommunikationsunfähiges Denken andererseits.

 

II. Die zwei Enden der Sackgasse

Günther beschreibt einen doppelten Stillstand:

  1. Der wissenschaftliche Formalismus ist zu einer „sinn-indifferenten“ Strukturmaschine geworden: Er ist überprüfbar, reproduzierbar und elegant, aber hermetisch gegenüber tieferer Bedeutung. Er kann Welt modellieren, aber nicht mehr deuten.

  2. Der spekulative Idealismus hingegen ist zu einer kommunikativ geschlossenen Monade verkommen. Hegels Phänomenologie des Geistes oder Schellings Weltalter erscheinen nicht als philosophische Werke, sondern als liturgische Artefakte – voller Tiefe, aber nahezu unübersetzbar in ein rationales Gespräch.

Der Vorwurf lautet: Philosophie ist entweder zu glatt oder zu dunkel, entweder zu leer oder zu unverständlich geworden. In beiden Fällen fehlt das, was Günther vehement einfordert: eine tragfähige, gemeinsame Sprache des Denkens.

 

III. Sprachverlust als philosophischer Bankrott

Der Text führt vor Augen, was es heißt, wenn Philosophie ihre kommunikative Grundlage verliert. Er beklagt nicht bloß die Schwierigkeit, die Werke des Idealismus zu lesen. Er kritisiert eine Entwicklung, in der Unverständlichkeit zur Tugend verklärt wird – als sei das Denken umso tiefer, je weniger es sich in klare Sprache fassen lässt.

Hierin liegt Günthers eigentliche Provokation: Nicht das Verschwinden der aristotelischen Logik ist das Problem, sondern der Verlust jedes verbindlichen Maßes von Verständlichkeit und Überprüfbarkeit. Dass tiefes Denken sich auch einer formalen Rationalität entziehen kann, ist eine alte Einsicht – dass daraus aber eine Verachtung formaler Rationalität folgt, ist ein verhängnisvoller Fehlschluss.

Diese Argumentation erinnert an Karl Popper, der spekulative Systeme (besonders den Hegelschen Idealismus) als nicht falsifizierbar und damit nicht rational brandmarkte. Auch Bertrand Russell nannte Hegels Logik ein „systematisches Missverständnis“, gerade weil sie sich keiner klaren methodischen Prüfung unterziehen lasse.

 

IV. Zwischen Abrakadabra und Algorithmus: Die Suche nach einer dritten Form

Die Analyse kulminiert in einem paradoxen Befund: Die Mathematik hat ihre logische Struktur so weit verfeinert, dass sie selbst die klassische zweiwertige Logik sprengt (etwa in der Quantenlogik oder Fuzzy Logic), bleibt aber sinnleer. Die Philosophie hat sich in ihre tiefsten Innerlichkeiten zurückgezogen und damit ihre Anschlussfähigkeit an den Diskurs verloren.

Was fehlt, ist ein neues Kommunikationssystem, das Tiefe und Form nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Pole versteht. Günthers Projekt einer nicht-aristotelischen Logik zielt genau darauf: auf ein Denken, das Mehrwertigkeit, Dynamik und Selbstreflexion formal fassen kann – ohne sich dem „Abrakadabra“ zu überlassen.

Ein mögliches Vorbild dafür ist etwa Niklas Luhmanns Systemtheorie, die versucht, Sinnsysteme mit kybernetischer Struktur zu modellieren – oder Gotthard Günthers eigene mehrwertige Logik, die Subjektivität und Objektivität nicht mehr als gegensätzlich, sondern als dynamisch verknüpfte Operatoren versteht.

 

V. Fazit: Die Verpflichtung zur Form

Was der Text in aller Schärfe sichtbar macht, ist eine philosophische Krise, die sich nicht durch bloße Rückkehr zu alten Systemen oder durch noch tieferes Eintauchen in spekulative Sprache lösen lässt. Es braucht eine neue Form der Philosophie, die sowohl verständlich als auch tiefgründig, sowohl strukturiert als auch offen ist.

Günther mahnt an, dass die Philosophie wieder anschlussfähig werden muss – nicht im Sinne populärer Verständlichkeit, sondern durch die Entwicklung eines neuen, nachprüfbaren und bedeutungsoffenen Formalismus. Nur so kann das Denken seine kommunikative Verantwortung wahrnehmen – und sein zersplittertes Erbe in eine gemeinsame Zukunft führen.

 

Literaturhinweise:

  • Gotthard Günther: Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik, Felix Meiner Verlag, 1978.

  • Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band I: Der Zauber Platons.

  • Bertrand Russell: A History of Western Philosophy, Kapitel über Hegel.

  • Niklas Luhmann: Soziale Systeme.

  • Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus – zur Grenze des Sagbaren.