Der entscheidende Fortschritt von Günther liegt in der Einsicht, dass nicht nur das Erkenntnissubjekt, sondern bereits die formale Struktur seiner Denkbewegung von einer Begrenzung betroffen ist, die es vom Sein selbst trennt. Damit wird klar: Solange Denken in zweiwertigen Reflexionssystemen verbleibt, bleibt das Sein transzendent.
Wir haben das Sein also deshalb nicht in unseren Begriffen, weil wir in keinem Begriff die ganze subjektive Reflexion haben, sondern nur eine ihrer beiden antithetischen Seiten. Es gehört zur Definition und wesentlichen Eigenschaft des logischen Subjektes, dass immer nur der eine Wert der zweiwertigen Reflexion zugänglich ist. Reflexionsidentität ist deshalb schwächer als Seinsidentität, weil sich das denkende Ich immer nur mit einem Wert der totalen Reflexion identifiziert und den zweiten als „anderes“ und Gegenstand aus sich heraussetzt. Die „Freiheit“ und Beweglichkeit des Bewusstseins (Hegels „Leben“ des Geistes) besteht nun darin, dass das Subjekt den Wert, mit dem es sich identifiziert, wechseln kann. Es kann sich sowohl als „Positives“ wie als „Negation“ begreifen. Entweder ist das Sein relativ zu ihm das andere, oder aber es hebt sich selbst als anderes von der in sich selbst ruhenden Identität der Welt ab. Beide Bewusstseinsstellungen aber repräsentieren ein radikales Umtauschverhältnis der logischen Werte der Reflexion. Die Orientierung an dem einen Wert negiert immer den anderen und umgekehrt.
Zweitens: da wir aufgrund der Doppelläufigkeit der ichhaften Reflexion das Sein nicht selbst haben, sondern nur seinen „Begriff“, ist dasselbe als Bedingung gesetzt. In dem zweiten Aspekt der von uns auf Seite 284 f zitierten längeren Textstelle führt Hegel nun aus, dass die Doppelläufigkeit der ortho- und pseudo-thematischen Reflexion auf unseren Begriff vom Sein notwendig zurückwirken muss. Je nachdem sich unsere Reflexion „Aristotelisch“ oder „kontra-Aristotelisch“ orientiert, zeigt uns das Sein eine andere Seite. Entweder es enthüllt sich uns als „Moment“ oder als „Ansichsein“. Als „Moment“ erfahren wir es in der pseudo-thematischen Reflexion-in-sich, als „Ansichsein“ aber tritt es uns entgegen, wenn wir uns in der ortho-thematischen Reflexion ihm direkt (unmittelbar) zuwenden.
(Aus: Gotthard Günther, „Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik“, Felix Meiner Verlag, 1978, S. 286)
Analyse
In der dritten Reflexionsebene seiner Auseinandersetzung mit Hegels spekulativer Logik analysiert Gotthard Günther die strukturelle Begrenztheit des subjektiven Denkens angesichts der Totalität des Seins. Zentrales Argument seiner Ausführungen: Unser Denken vermag das Sein nicht in seiner vollen ontologischen Wirklichkeit zu erfassen, weil es in seiner logischen Struktur auf Zweiwertigkeit – also auf Gegensätzlichkeit und Ausschluss – basiert. Diese Einschränkung führt Günther auf eine fundamentale Eigenschaft der Reflexion selbst zurück: Das logische Subjekt kann sich immer nur mit einem der beiden Reflexionspole identifizieren, nie aber mit ihrer Einheit.
Diese Spaltung ist das, was Günther als Reflexionsidentität bezeichnet – im Unterschied zur Seinsidentität. Letztere ist in sich ruhend, sie vereint Gegensatzpaare wie „Unmittelbarkeit“ und „Negation“ in einer übergeordneten Einheit. Die Reflexion des Bewusstseins dagegen ist gespalten: Sie kann entweder die Position des Positiven oder die der Negation einnehmen, jedoch nicht beide zugleich. Diese strukturelle Einseitigkeit macht die Begriffe, mit denen wir das Sein zu fassen versuchen, immer perspektivisch und damit begrenzt. Das Bewusstsein identifiziert sich also immer mit nur einer Seite der Totalität, wodurch die jeweils andere Seite als fremd, als „Anderes“, aus sich herausgesetzt wird.
Günther beschreibt diesen Umstand nicht bloß als logische oder erkenntnistheoretische Einschränkung, sondern als ontologische Barriere: Weil unsere Reflexion immer antithetisch organisiert ist, haben wir nicht das Sein selbst, sondern nur seine Vorstellung, seinen Begriff. Das Denken bleibt so notwendig hinter der Seinswirklichkeit zurück. Die „Freiheit“ des Geistes – in Hegels Terminologie das „Leben“ des Geistes – besteht in der Fähigkeit, zwischen diesen Reflexionswerten zu wechseln. Aber auch dieser Wechsel, so dynamisch er erscheinen mag, bleibt innerhalb der zweiwertigen Logik eingeschlossen. Es handelt sich um ein reines Umtauschverhältnis, bei dem jeweils nur ein Wert zur aktiven Bestimmung des Subjekts werden kann, während der andere verdrängt wird.
Besonders prägnant ist Günthers Interpretation der von ihm sogenannten Doppelläufigkeit des Denkens. Diese bezieht sich auf die zwei möglichen Orientierungen der Reflexion: die ortho-thematische (nach außen, auf das Andere gerichtete) und die pseudo-thematische (nach innen, auf sich selbst gerichtete). Beide sind notwendig, um überhaupt ein Bild des Seins im Denken zu erzeugen – aber sie liefern unterschiedliche Bilder. Die pseudo-thematische Reflexion zeigt uns das Sein als „Moment“, also als funktionalen Aspekt innerhalb des Bewusstseinsvollzugs. Die ortho-thematische hingegen lässt das Sein als „Ansichsein“ erscheinen, als etwas, das dem Bewusstsein gegenübertritt und unabhängig von ihm zu existieren scheint.
Günthers Argument kulminiert in einem erkenntnistheoretischen Paradox: Je nachdem, wie wir reflektieren, verändert sich unser Begriff vom Sein. Diese Pluralität der möglichen Seinszugänge zeigt die Unmöglichkeit einer absoluten, unmittelbaren Erkenntnis – es sei denn, man würde eine logische Struktur ermöglichen, die beide Reflexionsrichtungen integriert. Genau das aber ist mit der klassischen, zweiwertigen Logik – sei sie nun aristotelisch oder hegelsch – nicht zu leisten.
Der entscheidende Fortschritt von Günther liegt in der Einsicht, dass nicht nur das Erkenntnissubjekt, sondern bereits die formale Struktur seiner Denkbewegung von einer Begrenzung betroffen ist, die es vom Sein selbst trennt. Damit wird klar: Solange Denken in zweiwertigen Reflexionssystemen verbleibt, bleibt das Sein transzendent. Erst eine überklassische, mehrwertige Logik, die die „Doppelläufigkeit“ nicht als Widerspruch, sondern als komplementäre Einheit begreift, könnte das ermöglichen, was Günther als „Nicht-subjektive Reflexion“ beschreibt – ein Denken, das nicht mehr themenabhängig und reflexiv gebunden ist, sondern a-thematisch und unmittelbar am Sein teilhat.
Literaturverweise
-
Günther, Gotthard: Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1978, S. 286.
-
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Wissenschaft der Logik, in: Werke Bd. 6–8, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.
-
Vgl. zur Problematik der Zweiwertigkeit: Bense, Max: Einführung in die Logische Ästhetik, Stuttgart 1954.
-
Vgl. zur Konvergenz mit moderner Logik: Rescher, Nicholas: Many-Valued Logic, McGraw-Hill, 1969.
