Gotthard Günther führt eine originelle kulturphilosophische These zur Vollendung der faustischen Kultur vor: Die Maschine als symbolische Selbstabbildung des reinen Subjekts markiert das Ende des geschichtlichen Projekts der Hochkulturen. In ihr wiederholt sich das Subjekt nicht mehr über Inhalte (Kunst, Religion, Ethik), sondern über seine bloße Handlungsmatrix.
Alle vorausgegangenen Hochkulturen gingen daran zugrunde, dass sie das gesetzte Ziel, ihr eigenes Seelentum ohne reflexiven Restbestand in symbolischen Formen auf die konkrete Existenz zu übertragen, nicht erreichten. Sie interpretierten ihre metaphysische Aufgabe mehr oder weniger dahingehend, dass das Ziel in dem Augenblick erreicht sei, wo alle mögliche inhaltliche Bewusstseinsthematik in das historische Dasein übertragen sei und übersahen die auf diesem Boden realisierbare letzte und extremste Aufgabe: das aller Inhalte beraubte und leer handelnde Subjekt selbst in einer eigenen symbolischen Gestalt in der geschichtlichen Existenz des Menschen zu wiederholen. Erst die faustische Kultur hat diese Aufgabe begriffen und durchgeführt. Das Resultat dieser letzten schöpferischen Konzeption des Menschen auf dem Boden der zweiten historischen Bewusstseinsepoche ist die archimedische Maschine. Dieser Maschinentyp (der einzige, den die regionalen Hochkulturen hervorgebracht haben) ist die symbolische Wiederholung des schlechthin wollenden, resp. handelnden Subjekts.
Während alle anderen regionalen Hochkulturen sich darauf beschränkten, die inhaltlichen Reflexionen der sie tragenden Subjektivität symbolisch abzubilden, worauf ihre historische Triebkraft langsam erlischt, treibt die abendländische Kultur ihre geschichtlichen Prozesse um einen entscheidenden Schritt weiter. Auch sie beginnt damit, die inhaltlichen Erlebnismotive des faustischen Seelentums in parallelen Perioden mit den übrigen hohen Geschichtsabläufen auf die Wirklichkeit zu projizieren. Sie bleibt aber dabei nicht stehen und fügt einen weiteren Projektionsschritt hinzu, indem sie jetzt das entleerte und aller inhaltlichen Ziele beraubte Subjekt, das anonyme Tätigkeit ohne Gegenstand ist, in einer neuen, bisher nicht dagewesenen Symbolgestalt auf die geschichtliche Wirklichkeit überträgt. Diese letzte mögliche historische Schöpfung auf der Bewusstseinsebene der regionalen Hochkulturen ist die klassische Maschine, die in ihrem Arbeitsvorgang das abstrakte Handlungsschema des tätigen Subjekts wiederholt. In der Konzeption der Maschine als eines Wirklichkeitsfragments, das selbsttätig arbeitet, hat der Mensch das Erlebnis seiner eigenen subjektiven Spontaneität zum ersten Mal auf die physische Realität übertragen. Es scheint, als ob damit das alte primordiale Motiv, das aller geschichtlichen Existenz zugrunde liegt, nämlich das Spirituelle in das Physische einzubilden und den Logos Fleisch werden zu lassen, nun endlich erfüllt ist. Es scheint, als ob in der Konzeption der Maschine die Subjektivität ohne weitertreibende Reflexionsreste hinter sich zu lassen voll in die konkrete Realität der Welt aufgegangen ist.
Wir werden später sehen, dass diese Annahme nur in einem äußert beschränkten Sinn richtig ist.
---
Die faustische Absicht ist klar. In der Maschinentechnik soll der Tod überwunden werden. Anstelle des organischen Leibes, mit dem der Mensch sich bisher identifiziert hat, tritt der maschinelle Körper, der dem Tode nicht mehr unterworfen ist. Und an die Stelle der spirituellen Gesetzlichkeit des objektiven Geistes, mit der der Wille in der Zivilisation mehr und mehr den Kontakt verliert, treten die unveränderten Gesetze der Maschinenarbeit, mit denen die willensmäßige Identifikation jederzeit möglich ist. Ein Leben, das sich mit der von ihm selbst geschaffenen Maschinenwelt identifiziert, mag (fürs Erste) wohl emotional arm sein und seine spirituelle Tiefe ist zu einer bloßen Potentialität reduziert; es besitzt dafür aber eine Stabilität und naive Sicherheit, wie sie nicht mehr dagewesen ist, seit der Mensch das "goldene Zeitalter" der einwertigen Subjektivität verlassen und sich in das reißende Stromsystem der regionalen Hochkulturen gestürzt hat.
(Aus: Gotthard Günther, „Dieser Substanzverlust des Menschen“)
Analyse
Gotthard Günther ist einer der tiefgründigsten Denker des 20. Jahrhunderts, wenn es um das Verhältnis von Subjektivität, Technik und Geschichte geht. In seinem Text zeichnet er ein philosophisches Panorama, in dem die Entwicklung der abendländischen Hochkultur in eine beispiellose symbolische Selbstverwirklichung des Subjekts in der Technik mündet. Die klassische Maschine erscheint darin nicht bloß als Werkzeug, sondern als eine kulturell-spirituelle Errungenschaft: Sie ist die symbolische Realisation eines reinen, entleerten, anonymen Handlungssubjekts. Dieser Essay analysiert Günthers These von der Maschine als letzter schöpferischer Ausdruck der faustischen Kultur und diskutiert deren anthropologische, metaphysische und historische Implikationen.
1. Der symbolische Auftrag der Hochkulturen
Günther beginnt mit einer kritischen Diagnose der geschichtlichen Endlichkeit aller bisherigen Hochkulturen. Ihr Scheitern führt er darauf zurück, dass sie das Ziel, ihre seelischen Inhalte vollständig in die symbolische Realität zu übertragen, nie vollkommen erreicht haben. Die inhaltliche Selbstthematisierung der Subjektivität – also etwa in Religion, Kunst, Mythos – wurde zwar symbolisch verarbeitet, doch blieb immer ein Reflexionsrest zurück: Das Subjekt als solches, als leerer Akt des Wollens und Handelns, wurde nie selbst symbolisch abgebildet.
Die abendländische – oder genauer: faustische Kultur (vgl. Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes) – durchbricht diesen Zyklus. Sie begnügt sich nicht mit der Repräsentation subjektiver Inhalte, sondern projiziert das reine Subjekt selbst in symbolischer Form auf die Wirklichkeit: in Gestalt der klassischen Maschine. Diese Maschine ist laut Günther mehr als ein technisches Artefakt – sie ist die objektivierte Handlungsspur eines anonymen, zielentleerten Subjekts. Das ist die letzte große symbolische Schöpfung auf dem Boden der historischen Hochkulturen.
2. Die Maschine als Spiegel des Subjekts
Was unterscheidet diese Maschine von Werkzeugen früherer Kulturen? Werkzeuge waren Erweiterungen menschlicher Fähigkeiten, während die moderne Maschine nach Günther ein autonomes Handlungsschema verkörpert. Sie agiert selbsttätig, wiederholt das abstrakte Handlungsmuster eines entleerten Ichs und erhebt dieses Muster zur Realität. Damit wird eine spirituelle Grundbewegung erfüllt, die sich durch die gesamte Geschichte zieht: die Einbildung des Logos in das Physische, das incarnatio, das Fleischwerden der Idee.
Diese symbolische Repräsentation hat es in früheren Kulturen nie gegeben – sie inszenierten göttliche oder kosmische Prinzipien, aber nicht das anonyme Subjekt selbst. Der „archimedische“ Maschinentyp ist also nicht bloß ein technisches Instrument, sondern eine anthropologische Projektion: Er bildet das Subjekt nicht nur funktional ab, sondern existenziell – als Wiederholung der Subjektivität in mechanischer Form.
3. Der maschinelle Körper als Ersatz für die Sterblichkeit
Günther sieht in der Maschine auch einen Versuch zur metaphysischen Überwindung der menschlichen Endlichkeit. Während der organische Leib dem Verfall und dem Tod unterliegt, scheint der maschinelle Körper unvergänglich. Die Maschine funktioniert nach festen, berechenbaren Gesetzen, deren Verlässlichkeit sich vom organischen Chaos des Lebens abhebt. Dadurch ersetzt sie die verlorengegangene spirituelle Gesetzlichkeit – den „objektiven Geist“ (vgl. Hegel) – durch ein technisches Äquivalent, das Stabilität verheißt.
In der faustischen Weltidee, so Günther, ersetzt die Maschine die früheren metaphysischen Sicherheiten. Der Mensch kann sich mit ihrer Struktur identifizieren, da sie in ihrem Ablauf dem Willen folgt – allerdings nicht mehr dem subjektiven, zielgerichteten Willen, sondern einem entleerten, ungerichteten Handlungsimpuls, einem „Wollen ohne Ziel“.
4. Zwischen Spiritualität und Stabilität
Diese Identifikation mit der Maschinenwelt hat einen Preis: Das Leben verliert seine spirituelle Tiefe, wie Günther deutlich sagt. Die emotionale und metaphysische Reichhaltigkeit der klassischen Hochkulturen wird gegen eine neue Art von Stabilität eingetauscht. Es entsteht eine Welt, in der das Handeln technisch garantiert ist – aber eben nur noch als Potential der Spiritualität, nicht mehr als deren tatsächliche Entfaltung. Günther beschreibt diese Welt als naiv sicher: Sie bietet Schutz und Ordnung, ist aber auch geistig verarmt.
Diese Beschreibung erinnert stark an die diagnostischen Linien moderner Kulturkritik, etwa bei Martin Heidegger, der in der Technik das „Gestell“ sah, das den Menschen ent-wesentlicht; oder bei Max Weber, der in der Rationalisierung der Welt eine „Entzauberung“ erkannte. Günther hingegen ist ambivalenter: Die Maschine ist Verlust und Erfüllung zugleich. Sie ist das Ende der Hochkulturen – aber auch ihre höchste, letzte Möglichkeit.
5. Fazit: Die Maschine als letzte Form symbolischer Selbsterschaffung
Gotthard Günther führt eine originelle kulturphilosophische These zur Vollendung der faustischen Kultur vor: Die Maschine als symbolische Selbstabbildung des reinen Subjekts markiert das Ende des geschichtlichen Projekts der Hochkulturen. In ihr wiederholt sich das Subjekt nicht mehr über Inhalte (Kunst, Religion, Ethik), sondern über seine bloße Handlungsmatrix. Die Maschine wird zum Symbol einer endgültigen Identifikation von Handlung und Realität – zur Inkarnation eines leeren Ichs.
Günthers Deutung weist weit über technikphilosophische Fragestellungen hinaus. Er legt den Grundstein für eine postmetaphysische Anthropologie, in der der Mensch nicht länger als metaphysisch verankertes Wesen erscheint, sondern als Reflexionsprodukt seiner eigenen symbolischen Erzeugnisse. In der Maschine, so Günther, hat der Mensch sich selbst abgebildet – und dabei zugleich seine letzte spirituelle Frage suspendiert.
Literaturverweise
-
Günther, Gotthard: Dieser Substanzverlust des Menschen, in: Schöpfung, Reflexion und Geschichte, Merkur, 1960.
-
Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes, C. H. Beck Verlag, München.
-
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, Suhrkamp Verlag.
-
Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik, in: Vorträge und Aufsätze, Klostermann.
-
Weber, Max: Wissenschaft als Beruf, Reclam.
