Verborgene Übereinstimmung

Gotthard Günther gelingt ein tiefgreifender Perspektivwechsel. Statt sich in den Gegensatz von Wille und Vernunft einzuschreiben, hinterfragt er die gemeinsamen Voraussetzungen, die diesen Gegensatz überhaupt erst ermöglichen. In dieser Entlarvung des strukturellen Fehlers liegt sein eigentlich philosophischer Impuls: Wille und Vernunft sind keine Substanzen, sondern Funktionen eines reflexiven Systems, das sich im Denken und Entscheiden zugleich vollzieht.

Für Kant bestand kein Zweifel, dass die Philosophie auf dem Primat des Willens und der absoluten Souveränität der freien Entscheidung (kategorischer Imperativ) beharren muss. Vernunft – so Kant – kann nicht den Willen beherrschen, weil sie durch eine innerliche Anfälligkeit für in ihr eingebaute Täuschungen – die er 'transzendentalen Schein' nennt – beschränkt wird. Diese Trugschlüsse sind nicht Ausdruck menschlicher Unfähigkeit und Stümperhaftigkeit, sondern gehören zum ursprünglichen Wesen des theoretischen Denkens.

 

Diesen metaphysischen Mangel der Vernunft lehnt Hegel, der Philosoph des 'Panlogismus' ab. Der Wille als Widersacher der Vernunft erfährt seine höchste Ausdrucksform im (Be)Reich des 'objektiven Geistes', z.B. in Recht, Moral und Staat. Aber über dem objektiven Geist regiert der 'absolute Geist', der die Selbstreferenz einer Vernunft ist, die sich über sich selbst hinwegsetzt.

 

Wir wollen den weiteren Launen dieses Meinungsstreites nicht folgen, der bis heute ein ungelöstes Problem geblieben ist und der innerhalb des klassischen Weltbildes ungelöst bleiben muss. Solange die Wirklichkeit in einen natürlichen und einen übernatürlichen Bereich aufgeteilt wird, kann dieses Problem nicht verschwinden, denn es ist das Produkt eben dieses Spaltungsprozesses. Dadurch wird 'Subjektivität an sich' in eine natürliche und eine übernatürliche Komponente getrennt.

 

Wenn ein Problem wieder und wieder auftaucht und keine Lösung gefunden werden kann, dann sollte man nicht danach fragen, was die Vertreter gegensätzlicher Standpunkte voneinander unterscheidet, sondern was sie gemeinsam haben. Das ist der Punkt, wo die Quelle des Missverständnisses liegen muss! Und gleichgültig wie unvereinbar die Lösungsversuche griechischer Wissenschaftler und religiöser Denker des frühen Christentums, von Thomisten und Scotisten und letztlich Kants und Hegels gewesen sein mögen – in der Art wie dieses Problem aufgeworfen wurde, gab es eine verborgene Übereinstimmung zwischen den streitenden Parteien. Keine Seite hat nämlich je daran gezweifelt, dass Wille und Vernunft zwei unterschiedliche geistige Fähigkeiten des Subjekts sind, die getrennt identifiziert und dann einander gegenübergestellt werden können – so wie sich zwei einander bekriegende Feldherrn auf dem Schlachtfeld treffen, jeder mit der Absicht, den Widersacher zu besiegen. Keiner der Vertreter beider Seiten hat je erkannt, dass darüber zu streiten sich nicht lohnt.

 

Gelegentlich und rein zufällig wurde in der Philosophie die Rechtmäßigkeit dieses Problems zaghaft bezweifelt; aber solche Zweifel blieben ohne wirksame Folgen. Dazu wäre es nötig gewesen, die Voraussetzungen – dass Wille und Vernunft überhaupt zwei getrennte und voneinander unabhängig arbeitende Fähigkeiten des Geistes sind – zu verneinen. Und während der klassischen Periode von Philosophie und Wissenschaft fehlten noch die Werkzeuge zur Entwicklung der hierzu erforderlichen Theorie.

 

Dies ist jedoch gerade der Standpunkt, den wir einnehmen wollen. Unsere These ist: Wille und Vernunft sind Ausdruck ein und derselben Tätigkeit des Geistes, jedoch von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet. Mit anderen Worten: Vernunft und Wille oder einerseits theoretische Reflexion und andererseits kontingente Entscheidung sind nur reziproke Manifestationen ein und derselben ontologischen Konfiguration, die durch die Tatsache erzeugt werden, dass ein lebendes System sich durch dauernd wechselnde Einstellungen auf seine Umgebung bezieht. Es gibt keinen Gedanken, der nicht stetig vom Willen zum Denken getragen wird, und es gibt keinen Willensakt ohne theoretische Vorstellung von etwas, das dem Willen als Motivation dient.

 

Unter diesen Umständen ist es verständlich, dass wir bis jetzt keine wissenschaftliche Entscheidungstheorie haben. Wenn der Wille nicht als isolierbare Fähigkeit behandelt werden kann und als solcher auch nicht existiert, dann ist es nicht möglich, für ihn und seine Mechanik des Entscheidungsprozesses eine unabhängige Theorie zu entwickeln. Wir glauben aber – und das entspricht durchaus der Widersprüchlichkeit des Themas – dass wir eine Theorie des Denkens haben, die ursprünglich von Aristoteles konzipiert und bis in die Gegenwart weiterentwickelt und verbessert wurde. Diese Behauptung setzt jedoch nur einen fundamentalen Irrtum fort. Wir haben gerade keine Theorie der 'Mechanik des Denkens'.

 

(Aus: Gotthard Günther, „Erkennen und Wollen“, Teil 1)

Analyse

Die Philosophiegeschichte ist reich an Gegensatzpaaren: Geist und Natur, Freiheit und Notwendigkeit, Subjekt und Objekt – und nicht zuletzt: Wille und Vernunft. Gotthard Günther, einer der eigenständigsten Denker des 20. Jahrhunderts, nimmt in seinem Text diesen klassischen Dualismus kritisch ins Visier. Statt sich in den Frontlinien zwischen Kantianern und Hegelianern zu positionieren, schlägt Günther eine radikale Umkehr des Problems vor. Seine These: Wille und Vernunft sind keine gegeneinanderstehenden Mächte, sondern zwei Perspektiven auf ein- und denselben geistigen Prozess. Dieser Perspektivwechsel hat weitreichende Folgen – für Anthropologie, Ethik, Entscheidungstheorie und die Grundlagen der Philosophie.

 

1. Der klassische Konflikt: Kant vs. Hegel

Günther beginnt mit einer Rekapitulation des klassischen Konflikts in der deutschen Philosophie: Für Immanuel Kant steht der Wille im Zentrum des moralischen Handelns. Die Vernunft sei zwar Wegweiser, aber anfällig für Täuschungen – den sogenannten transzendentalen Schein, den Kant in der Kritik der reinen Vernunft als unvermeidliches Produkt theoretischen Denkens beschreibt (vgl. KrV A 298/B 355 ff.). Deshalb könne die Vernunft nicht souverän über den Willen herrschen, sondern der Wille muss sich autonom, d.h. moralisch aus sich selbst heraus bestimmen – Ausdruck des kategorischen Imperativs.

Hegel hingegen lehnt diesen Dualismus ab. In seiner Philosophie des objektiven Geistes – insbesondere in Rechtsphilosophie und Phänomenologie des Geistes – sieht er den Willen als Ausdruck der Vernunft selbst, als einen Aspekt ihrer historischen Selbstverwirklichung. Der sogenannte Panlogismus (alles Wirkliche ist vernünftig) mündet bei Hegel in eine Aufhebung (Aufhebung im Sinne von sublatio) der Getrenntheit von Vernunft und Wille in der Einheit des absoluten Geistes.

Günther kommentiert diese Auseinandersetzung nicht inhaltlich, sondern strukturell: Der Streit zwischen Kant und Hegel bleibt innerhalb eines Rahmens, der eine prinzipielle Trennung von Wille und Vernunft nie in Frage stellt.

 

2. Die Wurzel des Problems: Eine gemeinsame Annahme

Der philosophische Streit hat nach Günther eine "verborgene Übereinstimmung": Beide Seiten – so gegensätzlich sie erscheinen mögen – gehen von der stillen Prämisse aus, dass Wille und Vernunft zwei isolierbare, einander gegenüberstehende Fähigkeiten des Subjekts seien. Sie verhalten sich wie zwei Feldherren auf dem Schlachtfeld – eine Metapher, die Günther wählt, um den künstlichen Charakter dieses Gegensatzes zu betonen.

Diese Trennung hat ihren Ursprung in einem Weltbild, das die Realität in eine natürliche und eine übernatürliche Sphäre spaltet – eine Denkform, die spätestens seit der Scholastik die Philosophie prägt, z. B. in der Differenz zwischen ratio und voluntas bei Thomas von Aquin und Duns Scotus.

Günther kritisiert dieses dualistische Denken nicht nur als überholt, sondern als strukturell falsch. Solange man sich innerhalb dieses Rahmens bewegt, kann man die Frage nach dem Verhältnis von Wille und Vernunft gar nicht sinnvoll beantworten, weil schon die Fragestellung selbst auf einem Missverständnis beruht.

 

3. Eine neue Perspektive: Einheit des Geistes

Günther schlägt eine radikale Umkehr vor: Wille und Vernunft sind keine Gegensätze, sondern zwei Perspektiven auf dieselbe geistige Aktivität. Der Wille ist nicht „frei“ im Sinne einer isolierten, ontologisch eigenständigen Kraft; ebenso ist die Vernunft kein rein theoretisches Organ ohne Bezug zur Praxis.

Stattdessen plädiert Günther für eine systemtheoretisch fundierte Sichtweise: Ein lebendes System (z. B. ein Mensch) bezieht sich dynamisch auf seine Umwelt – durch sich wandelnde Einstellungen, Entscheidungen, Bewertungen, Reflexionen. In diesem Prozess sind Wille und Denken nicht trennbar. Jeder Gedanke enthält eine intentionale Komponente, jede Willensentscheidung eine begriffliche Struktur. Der klassische Dualismus zerfällt, sobald man die Subjektivität nicht als statische Essenz, sondern als funktionale Selbstbezüglichkeit versteht.

Diese Idee erinnert an Entwicklungen der Kybernetik, Systemtheorie (Niklas Luhmann) und zweiter-Ordnung-Logiken, mit denen Günther bereits ab den 1950er-Jahren experimentierte. Zugleich öffnet sie neue Wege für eine postklassische Entscheidungstheorie.

 

4. Folgen: Warum es keine Entscheidungstheorie gibt

Ein zentrales Argument Günthers lautet: Wir haben bis heute keine Theorie des Willens, weil wir ihn fälschlich als isolierbare Entität behandeln. Eine eigenständige Entscheidungstheorie – analog zur Logik des Denkens – ist nicht möglich, weil Entscheidung stets durchzogen ist von kognitiven, affektiven, sozialen und semantischen Elementen.

Umgekehrt haben wir, so Günther, auch keine echte Theorie des Denkens – nur eine Illusion davon, fortgesetzt seit Aristoteles. Denn auch das Denken ist kein rein theoretischer Vorgang, sondern durchzogen von Interessen, Perspektiven, Bewertungen. Die Idee einer „Mechanik des Denkens“, einer bloß algorithmischen Rationalität, verkennt die existenzielle Dimension jeder geistigen Tätigkeit.

 

5. Fazit: Einheit statt Trennung – Denken neu denken

Gotthard Günther gelingt in „Verborgene Übereinstimmung“ ein tiefgreifender Perspektivwechsel. Statt sich in den Gegensatz von Wille und Vernunft einzuschreiben, hinterfragt er die gemeinsamen Voraussetzungen, die diesen Gegensatz überhaupt erst ermöglichen. In dieser Entlarvung des strukturellen Fehlers liegt sein eigentlich philosophischer Impuls: Wille und Vernunft sind keine Substanzen, sondern Funktionen eines reflexiven Systems, das sich im Denken und Entscheiden zugleich vollzieht.

Diese Sichtweise ist hochaktuell: In Zeiten, in denen künstliche Intelligenz, Entscheidungsautomatisierung und neuronale Netzwerke neue Formen von Rationalität versprechen, ist es umso wichtiger, das Subjekt nicht als dualistisches Relikt, sondern als komplexes System zu begreifen. Günthers Einsicht lautet: Es gibt keine Theorie der Entscheidung, weil es keinen isolierten Willen gibt – und keine Theorie des Denkens, weil Denken immer schon vom Wollen durchzogen ist.

 

Literaturverweise

  • Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, 1781/1787.

  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1821.

  • Günther, Gotthard: Erkennen und Wollen, Teil 1 (zuerst 1957, in: Schriften, Band 2).

  • Thomas von Aquin: Summa Theologiae, ca. 1270.

  • Duns Scotus: Ordinatio, ca. 1300.

  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, 1984.

  • Bateson, Gregory: Steps to an Ecology of Mind, 1972.

  • Varela, Francisco: The Embodied Mind, 1991.