Der Text ist mehr als ein philosophischer Witz. Er ist ein Beitrag zur Entmythologisierung des Selbst. Er fordert auf, das „Ich“ nicht als transzendentale Instanz zu sehen, sondern als Beschreibung bestimmter Systemzustände – abhängig vom Gedächtnis, emergent im Nervensystem, aber ohne klaren Ursprung.
Ich und Bewusstsein. Da sind sie wieder, die beiden Unzertrennlichen. Hand in Hand erkunden sie die Welt. Wer braucht die eigentlich?
Wir zum Beispiel, um ein Gespräch zu führen.
Stimmt, dafür sind die beiden ganz hilfreich. Oder sind die ein- und dasselbe?
Gut möglich. Wer weiß? Hat man die beiden schonmal getrennt voneinander beobachtet?
Man kann die beiden beobachten?
Denke schon. Irgendjemand muss die beiden ja schonmal beobachtet haben. Wie sollten wir sonst von ihnen wissen?
Auch wieder wahr. Das wird schon alles seine Richtigkeit haben.
Ich glaube, das Gedächtnis gehört auch noch mit dazu.
Das Gedächtnis? Dann wären es schon drei! Vielleicht ist das Gedächtnis aber eh schon dabei, entweder beim Ich, oder beim Bewusstsein?
Ich denke mal, dass es doch eher beim Bewusstsein dabei wäre. Wozu braucht das Ich ein Gedächtnis?
Wozu braucht das Bewusstsein ein Gedächtnis?
Oder ist das Gedächtnis beides zusammen, Ich und Bewusstsein?
Das wäre auch noch eine Möglichkeit. Mann soll ja nichts ausschließen.
Gibt es Bewusstsein ohne Gedächtnis?
Ich denke schon, obwohl... Zumindest beim Ich bin ich mir sicher. Ohne Gedächtnis kein Ich.
Alles nicht so einfach.
Du sagst es. Könnten wir nicht einfach auf ein paar Sachen verzichten. Für meinen Geschmack sind das zu viele Mitspieler, bei denen wir nicht genau wissen, was die eigentlich tun.
Ich denke, am wenigsten wissen wir über das Bewusstsein. Darauf sollten wir als erstes verzichten.
Das nimmt aber doch das Ich gleich mit!
Stimmt. Und das wäre genauso, wenn wir auf das Ich verzichten würden. Darüber wissen wir genau genommen auch nicht viel mehr, als über das Bewusstsein.
Ok. Lassen wir beide verschwinden. Wer braucht die denn schon? Schließlich haben wir noch unsere Gedächtnisse. Jeder sein eigenes. Damit lässt sich doch ganz gut operieren.
Warum sagen wir nicht einfach, dass Ich und Bewusstsein Beschreibungen für das operierende Gedächtnis sind?
Von mir aus. Vereinfacht das irgendetwas?
Nö.
Dann sollten wir dieses Gespräch schnell beenden und uns nützlicheren Dingen zuwenden.
Als da wären?
Keine Ahnung. Aber eine Frage hätte ich doch noch...
Ja?
Das hatte doch alles was mit dem Nervensystem zu tun. Haben das Immunsystem oder das Verdauungssystem eigentlich auch ein Ich und ein Bewusstsein?
Möglicherweise stellen die sich genau dieselbe Frage in Bezug auf das Nervensystem?
Das werden wir wohl nie erfahren.
Besser ist das.
Analyse
Der Text „Selbstbewusste Systeme“ lädt zu einem spielerischen, aber philosophisch fundierten Gedankenspiel über die Natur des Ichs, des Bewusstseins und des Gedächtnisses ein. In Form eines sokratischen Zwiegesprächs wird eine tiefgreifende Infragestellung des klassischen Subjektverständnisses vorgenommen – und ein impliziter Vorschlag formuliert, der auf eine radikal relationale, prozesshafte Sichtweise des Selbst abzielt.
Dabei wird das sogenannte „Ich-Bewusstsein“ nicht mehr als feste Entität verstanden, sondern als epistemische Konstruktion oder besser: als eine Beschreibung operativer Prozesse, die in einem dynamischen System ablaufen, das wir „Gedächtnis“ oder „Nervensystem“ nennen. Der Text stellt dabei provokant die Frage, ob wir diese Begriffe überhaupt noch brauchen – und ob andere Körpersysteme sich nicht längst über unsere Selbstverliebtheit wundern.
1. Die Auflösung des Dualismus: Ich und Bewusstsein – mehr als Begriffe?
Der Text beginnt mit einer ironisch-liebevollen Beobachtung:
„Ich und Bewusstsein. Da sind sie wieder, die beiden Unzertrennlichen. Hand in Hand erkunden sie die Welt.“
Bereits dieser Einstieg macht klar: Hier geht es nicht um ontologische Tatsachen, sondern um Begriffsgebilde – um sprachlich fixierte, aber theoretisch unscharfe Konzepte, die dennoch unser Selbstverständnis dominieren. Das Ich und das Bewusstsein erscheinen hier nicht als transzendentale Gewissheiten (wie noch bei Descartes), sondern als Narrative, als Doppelagenten unserer Selbsterklärung.
Doch dann folgt die Frage:
„Oder sind die ein- und dasselbe?“
Damit beginnt die dekonstruktive Dynamik des Textes: Die scharfe Trennung zwischen Subjekt (Ich) und Bewusstsein (als Raum des Erlebens) wird infrage gestellt – eine Linie, die auch Thomas Metzinger in „Der Ego-Tunnel“ zieht, wenn er argumentiert, dass das Ich kein Ding, sondern ein Modell ist, erzeugt durch neuronale Prozesse.
2. Gedächtnis als Fundament des Selbst
In der Folge wird das Gedächtnis eingeführt – zunächst scheinbar nebensächlich, doch mit wachsender Bedeutung:
„Ich glaube, das Gedächtnis gehört auch noch mit dazu.“
Je weiter der Dialog fortschreitet, desto klarer wird: Das Gedächtnis ist nicht einfach ein Speicher, sondern das operative Zentrum aller Prozesse, die wir gewöhnlich Ich oder Bewusstsein nennen. Es ist das Kontinuum, das Identität stiftet, Entscheidungen ermöglicht und Vergangenheit gegenwärtig hält.
Die entscheidende Wendung lautet:
„Warum sagen wir nicht einfach, dass Ich und Bewusstsein Beschreibungen für das operierende Gedächtnis sind?“
Damit wird ein starker konstruktivistischer Vorschlag gemacht: Anstatt über metaphysisch unklare Entitäten wie das Ich oder das Bewusstsein zu sprechen, sollten wir den Fokus auf das dynamische System Gedächtnis legen, das durch neuronale, aber auch körperlich-emotionale Prozesse ständig re-konfiguriert wird. Diese Sichtweise ist anschlussfähig an die Systemtheorie von Niklas Luhmann, der das Bewusstsein als ein „autopoietisches System“ beschreibt – ein sich selbst erzeugendes, sich selbst referierendes Netzwerk von Zuständen.
3. Selbstbewusstsein als Systemeffekt?
Der Titel „Selbstbewusste Systeme“ verweist auf ein Konzept aus der Kybernetik zweiter Ordnung (vgl. Heinz von Foerster oder Francisco Varela). Ein „selbstbewusstes System“ ist kein inneres Theater, sondern ein System, das sich selbst referenziert, sich also „beobachtet“ – wie im Text angedeutet:
„Man kann die beiden beobachten? Denke schon. Irgendjemand muss die beiden ja schonmal beobachtet haben.“
Hier wird der klassische Beobachter-Begriff spielerisch aufgebrochen – nicht mehr als Subjekt, das einer Welt gegenübersteht, sondern als Reflexionsfigur in einem Beobachtungssystem, das sich selbst nicht vollständig erfassen kann. Diese Unschärfe ist keine Schwäche, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Selbstbewusstsein selbst – ein Gedanke, der an Humberto Maturanas Autopoiesis-Konzept erinnert: Systeme, die sich durch ihre Operationen immer wieder selbst erzeugen, ohne einen festen „Kern“.
4. Abschied vom Ich – oder: Philosophie als humorvolle Demontage
Im weiteren Verlauf des Texts zeigt sich eine ironische Distanz zu allzu ernsten Selbsterklärungen. Die Gesprächspartner überlegen, das Ich und das Bewusstsein ganz aus dem Spiel zu nehmen:
„Ok. Lassen wir beide verschwinden. Wer braucht die denn schon? Schließlich haben wir noch unsere Gedächtnisse.“
Der Rückzug auf das Gedächtnis als Operationseinheit kann als provokanter Minimalismus verstanden werden: ein Versuch, mit möglichst wenigen Konzepten möglichst viel Phänomen abzudecken. Was bleibt, ist nicht das Ich, sondern ein System, das Erinnern und Wiedererkennen ermöglicht, das Handlungen strukturiert, ohne sich selbst als „Subjekt“ vorauszusetzen.
5. Der letzte Witz: Andere Systeme könnten genauso selbstbewusst sein
Der Text endet mit einem befreienden Perspektivwechsel:
„Haben das Immunsystem oder das Verdauungssystem eigentlich auch ein Ich und ein Bewusstsein?“
„Möglicherweise stellen die sich genau dieselbe Frage in Bezug auf das Nervensystem?“
Dieser letzte Gedanke ist sowohl lustig als auch tiefgründig. Er ironisiert unseren neurozentrierten Anthropozentrismus, unsere Fixierung auf das Nervensystem als Ort des Selbst. Vielleicht sind andere Systeme – wie das Immunsystem – ebenfalls „selbstbewusst“, im Sinne ihrer Autonomie, ihrer Lernfähigkeit und Selbstorganisation. Diese Vorstellung ist nicht so abwegig, wie sie klingt: In der Neuroimmunologie oder der Mikrobiomforschung werden solche Interaktionen zunehmend diskutiert.
Fazit: Ein postmetaphysisches Selbstverständnis als humorvolle Entlastung
Der Text „Selbstbewusste Systeme“ ist mehr als ein philosophischer Witz. Er ist ein Beitrag zur Entmythologisierung des Selbst. Er fordert auf, das „Ich“ nicht als transzendentale Instanz zu sehen, sondern als Beschreibung bestimmter Systemzustände – abhängig vom Gedächtnis, emergent im Nervensystem, aber ohne klaren Ursprung.
Statt an überkommenen Begriffen festzuhalten, plädiert der Text für einen gelassenen, fast heiteren Umgang mit Unsicherheit. Wie Richard Rorty es formulierte: Wir können auf das „wahre Selbst“ verzichten, ohne an Tiefe oder Bedeutung zu verlieren – im Gegenteil: Philosophie darf auch humorvoll sein, gerade wenn es um so ernste Fragen wie das Bewusstsein geht.
Weiterführende philosophische Verweise:
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Thomas Metzinger – Der Ego-Tunnel (Ich als Modell, nicht als Substanz)
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Francisco Varela & Humberto Maturana – Der Baum der Erkenntnis (Autopoiesis)
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Niklas Luhmann – Soziale Systeme (Bewusstsein als autopoietisches System)
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Heinz von Foerster – Wissen und Gewissen (Kybernetik 2. Ordnung)
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Daniel Dennett – Das Bewusstsein erklärt (Multiple-Drafts-Modell statt innerem Beobachter)
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Evan Thompson – Mind in Life (Verkörperung und Selbstorganisation in lebenden Systemen)
